Ein Leben voller Scheiße

Schaufenster

Ein verkackter Halbjahresbericht

Letztens saß ich drüben bei Gottlob auf der Toilette (ich verspreche, dieser Beitrag handelt um mehr als nur Restaurant-WCs) und plötzlich knallte eine Tür und ich hörte jemanden schreien:

“Entschuldiguuung für die Lärm!”

Es war ein etwas seltsamer Moment; ich wusste nicht so genau, was das Verhaltensprotokoll war — antworte ich? Ignoriere ich die Worte? Korrigiere ich den Artikel? Es stellte sich heraus, dass meine Prägung zur Höflichkeit automatisch Überhand nahm, denn ich hörte mich ein verlegenes “Kein Problem” murmeln.

“Die Lärm” verlagerte sich vom Außenbereich in die Kabine neben mir.

Es gibt einfach laute Menschen. So ist das nun mal. Meine Lebenserfahrung hat mir beigebracht, diese Grundwahrheit als Teil der Existenz auf Erden zu akzeptieren.

Und ich dachte, damit wäre die Sache geregelt.

Aber.

Als ich gerade aufstehen wollte, schob sich mir langsam — und zu meinem Entsetzen — ein neonpinker Schuh unter der Kabinenwand entgegen.

Vielleicht war es die Tatsache, dass er so unglaublich neonpink war. Vermutlich war aber eher der Fakt, dass seit jeher grundsätzlich jedes fremde Körperteil, das von außen her in die eigene Toilettenkabine dringt, eine tiefschürende, allesumfassende Urpanik auslöst.

Da war also dieser neonpinke Schuh.

Ich war nicht erfeut. Auch wenn die dazugehörige Stimme weiblich zu sein schien und die Sache in gewisser Hinsicht mehr bizarr als bedrohlich wirkte, war ich reflexartig gelähmt.

Dann, mit dem unbeschwerten (und vermutlich schwerst zugedröhnten) Singsang einer kindlichen Erwachsenenstimme, die Frage:

“Welche Farbe hat deine Schuuuh?”

Erneut stellte sich mir die Frage, was das Protokoll hier zu sagen hatte — gekoppelt mit der neuen Problemstellung, die Kabine hoffentlich schnellst möglichst und vorallem lebend zu verlassen.

“Grau.”

So würde ich also sterben. Im Gottlob, Akazienstraße, Berlin. Durch das Werk eines neonpinken Mörderschuhs.

Meine Lähmung ließ endlich nach, ich riss die Hosen hoch.

“Zeig miiir!”

Schweißausbruch. Rissverschluss zu. Türfalle.

“Nein!”

Ich riss die Tür auf und stürzte hinaus. Zu meiner Erleichterung befand sich da keine Horrorpuppe, die mich mit ihrem Schuhwerk ermorden wollte. Der Ausgang war unversperrt.

Warum um alles in der Welt ich mir noch die Hände wusch, ist mir ein Rätsel. Meine Eltern haben mich einfach zu gut erzogen.

In der geschlossenen Kabine hörte ich noch ein frustriertes:

“Oh Maaann. So schade.”

Dann schoss ich hinaus in die Freiheit voller gemütlicher Stimmen und Weingläser und Teller mit Schnitzeln und überbordenden Salaten und alles war gut.

Ach Berlin.

. . .

Ihr seht: Es ist ja nicht so, dass es in letzter Zeit keine Frau-Belli-würdigen Momente gegeben hätte.

Und trotzdem war es um Frau Belli lange still.

Weshalb?

Ich wusste einfach lange nicht, wo anfangen. Ist der neonpinke Schuh die passende Einstiegsanekdote?

Vermutlich nicht, aber jetzt ist es zu spät.

Vielleicht hätte ich doch besser mit Dino anfangen sollen — dem Alkoholiker vom Park, dem ich nun jeden Morgen (ob ich will oder nicht) zur Begrüßung widerwillig einen kollegschaftlichen Fauststoß geben muss.

Ich sollte besser sagen: Wir. Wir müssen Dino Fist Bumps geben. Denn ich bin jetzt, wider Erwarten, fester Bestandteil einer Clique. Genau genommen einer Welpenclique. Aber dazu später.

Der Punkt ist: Wir müssen Dino täglich Fist Bumps geben und das, obwohl er letztens vor meinen Augen die Hosen runter gezogen — und angefangen hat, zu kacken.

. . .

Es ist so: Seit September 2016 ist mein Leben grundsätzlich gespickt mit Kacke.
Kacke
Bunte Überraschung um die Ecke.

Das hat aber eigentlich weniger mit Dino, dem Parkalkoholiker, zu tun als damit, dass ich damals im Herbst einen gemütlichen Abend auf Ebay Kleinanzeigen verbrachte (fragt nicht) und mit einem Glas Wein in der Hand über ein verschwommenes Bild von einem schwarzen Fleck mit vier kurzen Beinen und einer langen Seehundschnauze stolperte.

Die Bildbeschriftung sagte nicht viel, außer “Olaf.” Olaf sei ein Brandenburger Dackellandei und brauche dringend ein neues Zuhause, denn er passe einfach nicht so richtig in seine Familie.

Mehr Informationen brauchte ich nicht, es war genug — ich war bereits unterwegs. Mein imaginärer Dackel Klaus würde endlich, endlich Realität werden, komme was wolle.

So kam es, dass Olaf in seiner Gesamtherrlichkeit unvorhergesehen (und kurz vor unserer legendären Generalentlassung) an einem Herbstwochenende in unser Leben donnerte.

Es begann ein wundervolles Abenteuer voller feuchtdampfender Fäkalien.

. . .

Er sieht aus wie ein kleiner, glänzender, tiefschwarzer, harmloser Seehund mit Schlappohren und kurzen Beinchen.

Olafs NaseUnd er weiß es.

Morgens macht er die Tür zu unserem Schlafzimmer auf und fordert seine Knuddeleien, und wehe dem, der sie ihm nicht gibt. Dann dackelt er beleidigt zurück in seine kleine grüne Reisebox und knallt sein Türchen zu.

Oder er setzt sich hin und blinzelt frech zu dir hoch. Die implizite Hoffnung seines Blickes dreht sich dabei nicht um deine Liebe, sondern insgeheim um Appenzellerkäse. Oder Leberwurst. Eines von beidem.

Wo auch immer wir sind: Die Blicke der Menschen werden weich, die Brauen ziehen sich berührt zusammen, ein Ellbogen stupst das Nebenan an, das Flüstern folgt bestimmt: “Schau mal. So schau doch! Ein richtiger Dackel.” Manch ein Mann (und es ist immer ein Mann) geht an ihm vorbei und zwinkert ihm freundlich zu: “Na Dicka?”

Letztens haben zwei Maler vor einem Haus ihn mit einem “Bu!” erschreckt. Das fand Olaf aber nicht lustig und er ging mutig über zum Angriff. Schallendes Gelächter aus riesigen Bierbäuchen.

Abends rollt er sich zu einem kleinen Donut zusammen und schnarcht auf dem Sofa mit uns vor sich hin. Manchmal träumt er; dann jagt er Hasen und seine zu groß geratenen Pfoten zucken und er bellt entzückt im Schlaf.

Olaf schläft 9 Stunden. Er zerkaut unsere Möbel nicht. Er uriniert nicht auf den Teppich. Er kann problemlos 5, 6 Stunden alleine zuhause bleiben. Tagsüber kommt er mit ins Büro und pennt entspannt unter dem Tisch. Mittlerweile fährt er gechillt U-Bahn, wir haben einen Roadtrip hinter uns und auch schon einen Flug. Alles, was er manchmal wirklich braucht, ist ein liebevolles Bauchrubbeln.

“Ihr  hattet ein Glück mit diesem Hund,” meinte letztens ein Besuch. Diesen Menschen sage ich:

. . .

Lasst euch nicht täuschen, das Kerlchen hat es in sich, Olaf ist gemein.

Gut, natürlich ist er nicht immer gemein.

So richtig gemein ist er eigentlich nur, wenn wir draußen sind. Und er an der Leine ist. Und sich in dem Moment auf zu direkte Weise ein anderer Hund nähert. Diese unglückliche Kombination bewirkt, dass sich mein kleines Olafchen in Sekundenschnelle in ein röchelndes, aggressives, überraschend starkes Todesmonster verwandelt, das klingt wie ein kleiner, gemeiner Scheißdämon.

Ansonsten ist er Klasse 1A.

Okay, er mag auch keine dicken Männer mit Glatze. Die findet er doof.

Aber ansonsten ist er Klasse 1A. Wirklich.

Und wir arbeiten dran. Leider muss die Leine manchmal sein, und so üben wir. Wir gehen dienstagabends in die Hundeschule und entspannen uns gemeinsam (auf überdimensionalen Kissen. Ja, das dürft ihr euch bildlich vorstellen). Wir atmen tief ein und tief aus.

Und wir gehen jeden Tag aufs Neue angeleint an gefühlten zwanzigtausend Hunden vorbei. Jeder Schritt ohne einen Nervenzusammenbruch seitens des Dackels löst einen Regen aus Leckerli und Lob hervor.

Manchmal funktioniert es noch nicht. Mittlerweile tut es dies aber meistens. Es ist ja auch ein halbes Jahr vergangen!

Letztens fiel der Satz: “Ist das der gleiche Dackel, der am Anfang alle und alles angegriffen hat?” Da wurde ich ein bisschen stolz. Mein Olafchen war also buchstäblich nicht wiederzuerkennen.

Im Gegenzug wird jede Kackreaktion eines Wildfremden mittlerweile einfach ignoriert, denn ich habe weiß Gott schon genug mit Kacke zu tun.

Was mich zu meinem vorletzten Punkt bringt.

. . .

Zugegeben, es war mir nicht ganz klar, wie oft man als Hundehalter mit dem Thema Scheiße in Berührung kommt.

Zum einen sind es die kontinuierlichen “Ratschläge” oder auch schlicht Unhöflichkeiten anderer Menschen. Seitdem ich mein Olafchen habe, höre ich Scheiße hier und Scheiße da.

Nach einem halben Jahr stelle ich erleichtert fest, es ist wie mit der eigenen Hochzeit: Am Ende ist jede andere Meinung egal, Hauptsache ich weiß, was ICH über die Sache denke.

Das ist generell ein guter Ratschlag, nehmt ihn euch zu Herzen!

Olaf gähnt
Olaf findet andere Meinungen zum Gähnen.

Zum anderen ist es aber auch einfach die schiere Menge an lebensechter, getrockneter, gefrorener, frischer, dampfender, zerbröselter, flüßiger, verhärteter Kacke (und richtig, richtig üblen Fürzen), die mir tagtäglich ungeahnt begegnet.

Natürlich wusste ich, dass ich mindestens ein, zwei Mal pro Tag die Backbrötchenwärme eines frischen Fäkalienwürstchens durch den (viel zu dünnen!) Plastik eines Kottütchens fühlen würde.

Aber wusste ich auch, dass ich eines Tages erfolglos versuchen würde, einen frischen Kuhfladen aus einem wunderschönen, brandneuen Dackelmäntelchen im Detektiv-Look zu waschen?
(Das Mäntelchen schrumpfte und wurde nie wieder gesehen).

Wusste ich, dass ich eines Tages aus dem Augenwinkel einen glänzenden, undefinierten, feuchten Haufen Kot neben Olaf wittern würde — und wusste ich, dass mein inbrünstig verzweifeltes “Neeeeeeeein!” natürlich viel zu spät kommen würde? Nie werde ich das Bild vergessen: Kleine, schneeweiße Krokodilzähnchen versenken sich genüßlich in der unendlichen Bräune von unidentifizierten Ausscheidungen.
(Danach mussten wir noch 4 Stunden zusammen in einem Auto verbringen.)

Und wusste ich, dass ich mich eines Tages darüber zu entscheiden hätte, ob ich mich dem öffentlich kackenden Alkoholiker Dino nähern sollte — weil mein irre gewordener Kackdackel es für eine gute Idee hält, sich direkt vor ihm aufzustellen und ihn so richtig nervig anzukläffen?
(Ich habe mich dagegen entschieden).

. . .

Ich wusste es nicht, aber mein Leid wird geteilt.

Mittlerweile hat Olaf fette Freunde, mit denen er sich jeden Tag trifft. Es sind eigentlich alles Welpen, währenddem Olaf umgerechnet gerade etwa 24 Jahre alt wird. Aber so rein größenmäßig passt das eben.

Da sind Anton und Emil, dort ist Otto, hier haben wir Rübchen, da den fuchsartigen Leo, dort drüben Elron — das zitternde Windspiel, das es letztens für gut befand, an meine Tasche zu pissen (ein separater Beitrag zum Thema Urin folgt zu eurer großen Erleichterung vermutlich demnächst).

Und mit den Hunden kommen selbstverständlich ihre Halter. Das fand ich anfangs nicht so toll — aber seit ein paar Wochen hat sich im Kleistpark auf organische Weise ebendiese Welpenclique geformt, die sich nun jeden Tag morgens und abends trifft.

Und irgendwie passt mir das, denn sie sind alle friedlich und entspannt. Es ist eine gute Mischung zwischen anderswo unangebrachten, aber notwendigen Kotgesprächen und nach und nach hervorbrodelnden  Lebenstragödien.

Und dann ist da natürlich der Klatsch und Tratsch. Dino hat sich schon wieder von Hugo Boss ein Aftershave gekauft, obwohl er noch am gleichen Abend alle im Park um Geld angehauen hat. Den Besitzer von “Häschen kommst du jetzt”, den mögen wir nicht, denn  Häschen kommt erstens nie und zweitens liest er auch nie die Häufchen auf. Die komische Dame mit der Riesenhund ruft immer gleich die Polizei, da muss man aufpassen. Der Typ mit dem stoischen tibetischen Bergmonster hockt stets auf dem Spielplatz und kifft, das geht doch nicht. Und die zwei Frauen, die sich nie zu uns gesellen? Die denken irgendwie, die sind was Besseres.

. . .

Ein Hoch auf ein Leben voller Kacke!

Es hat ein halbes Jährchen gedauert, aber ich habe mich langsam daran gewöhnt, dass ich in regelmäßigen Abständen ein würstchenförmiges Lebewesen dabei unterbrechen muss, irgendwelche Snacks aus Scheiße in allen Farben und Formen zu zerkauen.

Ich habe mich auch daran gewöhnt, öfter mal sagen zu müssen: “Nein, den anderen Hund wollen wir heute nicht ermorden, Olaf. Heute nicht.”

Meiner Meinung nach entwickelt sich Olafchen zu einem Prachtwürstchen!

Und irgendwann, wenn wir auch seine letzten Problemzonen im Griff haben, machen wir mal einen Jagdkurs und ich versuche es noch einmal mit einem schicken Mäntelchen (dieses Mal in Jagdgrün). Dazu noch eine Miniflinte. Bis dahin jagt er so oder so — die Hasen im Park, die Ratten im Hinterhof und zu meinem Entsetzen den türkischen Jungen von nebenan.

Und so kommt es, dass sich Frau Belli erst ein halbes Jahr nicht zu Wort meldet, und sie dann ihre virtuelle Auferstehung eigentlich auch nur mit einem Thema heraufbeschwören kann:

Auf ein langes Leben voller unvermeidlicher Scheiße! Denn auch sie ist nur, was man daraus macht.

Merkt es euch.

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3 thoughts on “Ein Leben voller Scheiße”

A word with Frau Belli? Fire away!

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