“Ihr könnt jetzt nachhause” – Kapitel Startup beendet

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Man schreibt einen Oktobermontag im Jahre 2016, es ist 9.30 Uhr und Olaf (mein Dackel, aber dazu später einmal mehr) weigert sich ausgerechnet jetzt, still auf meinen Füßen zu liegen. Genau jetzt, wo wir bestimmt alle im Kollektiv entlassen werden. Spannung knistert in der Luft. Das morgendliche Zwielicht wirkt düster. Olaf wedelt erfreut.

***This pot is available in English: “The Day We All Got Fired”

“Good morning everyone,” sagt der CEO. Seine Stimme klingt schwer. “First of all, I want to thank you. You have all been reeeeaaaaally great.”

Ah, da haben wir’s.

Eigentlich habe ich ja eh gekündigt. Mein letzter Tag soll der 15. Dezember sein. Noch bin ich also hier, wenn auch extrem halbherzig. Nicht nur, weil ich eh gehe. Sondern weil unserer Abteilung zwei Tage vor Oktoberbeginn mitgeteilt wurde, wir hätten aufgrund eines Tests alle Kooperationen abzusagen. Alle Werbung einzustellen. Alle Deals zurückzuziehen. Die ganze Arbeit, die geleistet wurde, alles für die Katz. Einfach auf gar keinen Fall irgendwelche Kosten verursachen. Nur ein Testchen! Nur für Oktober. Im November ist dann alles wieder normal.

Und weil wir infantile Dummchen sind, die kein Gehirn haben und nichts verstehen, glauben wir das natürlich auch….

Von dem Tag an wusste ich jedenfalls nicht so genau, was ich von Oktober bis Dezember noch anstellen sollte. Der Job, der mich die letzten 9 Monate die Kräfte von 7 Menschen gekostet hatte, hatte sich von einem Tag auf den anderen in einen zähen Zeitmarathon verwandelt, der einfach nicht enden wollte. Alles abgesagt. Die paar wenigen Sachen, die ich noch tun konnte, kotzten mich an.

Wozu noch einen Newsletter machen oder eine “LP”? Nicht nur habe ich gekündigt – mein Budget wurde mir ja auch gestrichen. Und e-commerce? Interessiert mich doch eigentlich gar nicht. Wie die meisten, bin ich nur aus einem Grund hier: Nach dem Studium hat die Panik mich dazu verleitet, irgendwas zu tun. IRGENDWAS. Also das hier.

Heute weiß ich, ich hätte an meinem allerersten Tag im Startup rechtsum kehrt machen und kündigen sollen. Der war so schlimm, dass ich gar nicht nachvollziehen kann, wie ich überhaupt geblieben bin.

Am letzten Freitag dann kam die Email. Anstelle unseres freitäglichen “Coffee and Cake”-Meetings in der “Lounge” sollten wir bitte alle am Montag um 9.30 Uhr bei unseren Abteilungsleitern erscheinen. Und bitte alle pünktlich sein, Leute. Es ist wichtig.

Ich rieb mir grinsend die Hände, klappte den Computer zu und ging entspannt in’s Wochenende. Zuhause sagte ich: Am Montag werden wir entlassen. Nur schade, dass ich bereits gekündigt habe! Aber trotzdem: Zwei Monate bezahlter Urlaub! Das wäre ein Glück. Gar nicht mehr in diesen vergifteten Saftladen zurück zu müssen….

Mein Wochenende war dementsprechend großartig. Ich vergnügte mich mit Olafchen und anderen schönen Seelen in einer Brauerei. Wir gingen koreanisch essen. Wir kochten südafrikanischen Fisch in Backpapier und Olaf war gemein zu anderen Hunden. Fazit: Ein ganz normales Wochenende also. Eigentlich aßen wir einfach. Was für ein privilegiertes Leben wir führen!

Nun ist es also endlich Montag und ich erscheine pünktlich zu dem angekündigten Meeting. Ich habe mir dazu extra noch einen Kaffee geholt, denn das Ganze will entspannt verfolgt werden.

Es dauert nicht lange. Wenigstens macht er es kurz, der CEO. Es war schön, Leute, danke. Wir lieben euch, aber die Investoren tun es nicht… also müssen wir einige Abstriche machen. Abteilung XY wird ab heute geschlossen.  Diejenigen, die von HR zum Gespräch aufgerufen werden, geht bitte in Raum X.

Ich werde nicht aufgerufen. Aber alle anderen meiner Abteilung. Etwas verwirrt gehe ich alleine zurück in unseren Raum. Warum werde ich nicht aufgerufen? Weil ich schon gekündigt habe? Was soll ich jetzt tun?

Ich setze mich ungläubig vor meinen Computer. Olaf legt sich gehorsam auf sein Deckchen. Guter Olaf. Er hat jetzt auch verstanden, dass etwas seltsames in der Luft liegt.

Ich entsperre den Bildschirm und klicke wahllos in der Gegend rum. Also, wenn mein Team geht, dann gehe ich ja wohl auch. ICH WILL GEHEN. Ich drehe mich auf meinem Bürostuhl um und werfe den Leuten von einem anderen Team einen fragenden Blick zu. Die meisten von denen sind noch da. Sie zucken ratlos mit den Mundwinkeln.

Keiner weiß was.

In dem Moment springt die Tür auf. Es ist ein Mensch aus der IT; einer von denen, die man nur in technischen Notfällen sieht. Er zieht ein kleines Wägelchen hinter sich her und kommt wortlos auf mich zu. Neben mir macht er Halt und fragt: “Sitzt hier Silke?” Er weist auf den leeren Bürostuhl neben mir.

Silke ist gerade im Gespräch mit HR. Ich nicke. Er beugt sich über Silkes Laptop, pflückt ein paar Kabel weg, krallt sich den Rechner und packt ihn auf das Wägelchen.

“Ehm,” sage ich, “Du holst jetzt ernsthaft Silkes Laptop, noch bevor sie überhaupt aus ihrem Gespräch zurück ist?”

Er zuckt die Schultern, hebt die Augenbrauen und pustet aus. “Tut mir leid, ich tu nur, was mir aufgetragen wurde.”

“Willst du mich verarschen? Was ist das denn für eine Art? Du kannst doch jetzt nicht ihre Sachen packen.”

“Wie gesagt, ich würde das auch anders machen.” Dann holt er ein Blatt Papier aus der Hosentasche und entfaltet es. “Und hier? Louise?”

Ich kann gerade nicht fassen, was abgeht. “Louise? Die sollte nicht gekündigt worden sein.”
Erneut zuckt er die Schultern. “Sie steht aber auf meiner Liste.”
Ich blicke auf ihren Tisch. Die Kopfhörer. Ihr Apfel. Alles noch da. Sie ist noch gar nicht zur Arbeit erschienen heute.
“Das kann nicht sein.”
“Es ist aber so.” Er läuft rüber, pflückt auch da die Kabel und knallt den Laptop auf das Wägelchen.
Moment mal. Das wurde aber nicht so angekündigt. So viele sollten es nicht sein. Es sollte nur meine Abteilung sein!

Was läuft hier eigentlich ab?

Es folgt Leonadro. Ich gebe auf und schau zu. Dann Karsten. Dann Robert. Laptop auf Laptop auf Laptop. Niemand versteht mehr etwas. Am wenigsten ich.

“Was ist mit mir? Willst du meinen Laptop nicht?”

“Du stehst nicht auf der Liste.”

“Aber…” Langsam wird es bizarr. “Ich habe doch gekündigt. UND meine Abteilung wurde geschlossen. Das kann doch nicht sein!”

“Du stehst aber nicht auf der Liste.”

Der Rest des Raumes schaut wortlos zu. Was soll man da noch sagen?

Letztenendes stehe ich auf und suche meinen Chef. Der sollte da irgendwo sein, obwohl er seit meiner Kündigung vor drei Wochen (auf die er noch reagieren wollte) nicht mehr mit mir geredet hat. Ich finde ihn. Er sagt nichts. Einfach nichts. Schaut mich nur an. Ich frage:

“Kann ich auch nachhause? Ich hatte weder ein Gespräch mit HR noch habe ich einen Termin bekommen.”

Er nickt. “Ja. Fahr einfach deinen PC runter. Wir machen den Rest.”

War’s das? Ich warte, bis noch etwas kommt. Ein “Tut mir leid” oder ein “Danke”, vielleicht. Möglicherweise auch ein herzhaftes “alles Gute!”

Aber es kommt nichts. Nichts. Kein Wort.

Ich wende mich ab.

Ich bin entsetzt und erfreut zugleich. Mein schönster Albtraum ist wahr geworden: Ich kann diese Firma, deren Klima so verdorben ist, dass ich zum Trotz gekündigt habe, frühzeitig verlassen — ohne Übergabe, ohne Gespräch, und wie es aussieht, sogar ohne Abschied. Noch nicht mal meine Daten muss ich löschen. Ich kann wirklich einfach den Laptop zuklappen, meine Pflanze Rupprecht unter den Arm nehmen und sagen: “Komm Olaf, wir gehen frühstücken.”

Ich tu es. Es fühlt sich surreal an.

Auf dem Flur treffe ich Leonardo. Er hinkt in seiner Jacke auf mich zu und hat Tränen in den Augen. Ich gehe auf ihn zu, er sieht gar nicht gut aus, seine Hände sind aufgeschürft.

“Ich bin gefallen,” sagt er. “Mit dem Fahrrad. Alles tut mir weh, mein Arm tut so weh.”

Weiß er, dass sein Laptop gerade eingesammelt wurde? Ich bin mir nicht sicher, was ich sagen soll. Ich sage nichts und meine Hand drückt ein wenig sein Bein, das schmerzt, damit er sich nicht allein fühlt. Irgendwann kommen die Ambulanzleute.

Draußen vor der Eingangspforte treffe ich andere von uns; solche, die gekündigt wurden und es nicht haben sehen kommen. —- Und dann auch die paar wenigen, die NICHT entlassen wurden und sich jetzt fragen, was sie heute um alles in der Welt zu dritt in einem Raum für 20 Leute so… anstellen sollen.

Wir grinsen alle ein wenig. Die Stimmung ist eigentlich heiter. Olaf kann es auch gar nicht fassen, dass wir schon wieder draußen sind. Das hatte er sich anders vorgestellt. Mindestens 4 Stunden langweilige Teppichzeit, ein paar doofe Meetings hier und da noch ein kleines Date mit dem Chihuahua von Raum 2.

Der morgendliche Sonnenschein blitzt mir ins Gesicht. Einige verabschieden sich und gehen gleich mal ein Bierchen heben (es ist mittlerweile 10.30 Uhr).

Ich umarme hier und da jemanden. Dann mache ich mich auf den Weg. Auf der U-Bahn male ich mir genüßlich meinen Tag aus.

Also erstmal fett frühstücken. Dann ein bisschen lesen. Am Nachmittag vielleicht ein Spaziergang, irgendwo ein Käffchen trinken. Schreiben, wer weiß.

Ich habe jetzt ja zwei bezahlte Monate vor mir. Da kann ich mir ein, zwei Wochen Erholung von diesem Startup-Horror durchaus gönnen.

Denn der ist jetzt jedenfalls erstmal für eine Weile vorbei.

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4 thoughts on ““Ihr könnt jetzt nachhause” – Kapitel Startup beendet”

  1. Ach, Frau Belli… Vor ein paar Wochen wollte ich dir zur feinsten Arbeitszeit schreiben, dass ich deinen Blog gefunden habe und dass wir mal wieder lunchen gehen sollten, weil wir es bisher nur einmal geschafft hatten und uns eine gemeinsame Zeit in diesem Saftladen ganz knapp nicht vergönnt war. Und ich wollte dir sagen, wie gut du die Saftladenatmosphäre auf den Punkt bringst – so gut, dass ich die blauen Wände der Lounge fast an den Fingerspitzen fühlen konnte. Und dass deine Käseodyssee mindestens so amüsant war wie der zögerliche Kiezkneipenausflug. Dann warst du aber leider krank, danach war ich im Stress, danach im Urlaub. Und nun weiß ich nicht mal, ob du auf deinem Skype Account noch erreichbar sein wirst… Ich finde, nichts davon sollte uns am Mittagessen oder Käffchen hindern. 😊

    Tief durchatmen, aufatmen, durchstarten… Kann nur besser werden! 😉

    Liebe Grüße von einer, die sich demnächst bei dir meldet 😊

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    1. Frau Butschie? :D Wie geheimnisvoll! Ich finde und finde keine Person, die auf die Beschreibung passen könnte… Einmal? Nur einmal waren wir essen? Aber ja, ich bin noch erreichbar (ab und an), aber schick mir doch deine Nummer in einem Kommentar — ich muss diesen sowieso erst absegnen, damit der öffentlich erscheint (ich würde ihn natürlich nicht publizieren haha). <3

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A word with Frau Belli? Fire away!

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