Das Leben ohne Smartphone: Anleitung zum Hipstertum — und zur Ruhe

hipster

Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, ich bin jetzt auch ein Hipster. Und es war gar nicht so schwierig! Ehrlich. Ich kann euch erklären, wie es geht.

Aus den Erfahrungen der letzten Monate kann ich euch nämlich eines sagen: Um als “Hipster”* wahrgenommen zu werden, braucht man gar nicht unbedingt 

  • die ganzen “fixed-gear” Velos oder die Flat Whites (weil Cappuccini sind voll 2006)
  • die simplistischen, geometrischen Ohrringe und Halsketten mit Bergkristallen
  • die teuren, baumelnden Industrieglühbirnen
  • die Hosenträger in Kombination mit einem gut gestutzten Bart
  • ODER! Die winzigen Kakti in ananasförmigen Töpfchen
  • eine Polaroid-Kamera
  • die abrasierten Schläfen, den Dutt mit dem “Undercut”, oder — ganz neu — auch gerne alles aber jetzt bitte in Grau
  • das morgendliche “Acai Bowl” in allen Farben des Regenbogens
  • den eckigen FiällRäven Rucksack
  • die minimalistisch gehaltene Altbauwohnung (vorzugsweise Originaldielen, wobei es notfalls auch Fake-Parkett sein daruf — aber einfach bittte, bitte auf gar keinen Fall Neubau, wäh!)

*Hipster, der (n.): Jemand, der sich lifestyletechnisch konstant an der Grenze von bewundernswert cool und verabscheuenswert cool bewegt. Die Bezeichnung ist somit äußerst ambivalent und wird sowohl als durchaus nette bis neutrale Klassifizierung eines Menschen, aber auch als extrem negativ behaftete Klassifizierung eines Menschen benutzt.

Versteht mich nicht falsch. Diese Dinge sind durchaus förderlich für ein Hipsterimage; wer also aktiv in Richtung Hipsterstyle gehen möchte, der bediene sich ausgiebig der oben aufgeführten Liste.

Und ich muss gestehen, ich bekenne mich ja auch des einen oder anderen Punktes schuldig! Aber! Ich arbeite nicht aktiv an meinem Hipsterimage.

Und trotzdem passierte es: Ich wurde cool.


Das ging so.

In meiner ersten Woche im neuen Job sagte die Social Media Managerin in unserem “Social Weekly” Meeting, so ganz locker flockig nebenbei:

“Ah ja, du solltest dann für Norwegen noch ein Instagram-Profil erstellen.”

Und dies, nachdem sie gerade allen in selbigem Meeting erzählt hatte, dass sie letztens abends zuhause auf der Couch vor dem Fernseher saß und mit ihrem vermeintlichen Firmen-Instagramkonto “tausende” von Bildern “geliked” hätte — bis sie gemerkt hätte, dass sie ja gerade mit ihrem privaten Profil eingeloggt sei. “Wie peinlich,” grinste sie, und der ganze Tisch lachte und fühlte mit. Einige kreischten:

“Das ist mir AUCH schon mal passiert!”

Oh Gott, dachte sich Frau Belli. Das passiert mir AUF GAR KEINEN FALL!

Schon alleine deshalb nicht, weil ich nämlich privat gar kein Instagram habe. Aber auch, weil ich definitiv plane, niemals “abends zuhause auf der Couch vor dem Fernseher” zu sitzen und während meiner Freizeit im Namen der Firma “tausende” von Bildern zu liken. Ich glaube, ich spinne!

Währenddessen hat sich das Meeting aber bereits weiter entfaltet. Ich höre, wie die französische Social Media Praktikantin sagt: “Ein Instagram-Bild hat eine Lebensdauer von 4 Studen.” — “Das heißt, es wäre gut, wenn ihr so alle 4 Stunden ein Bild postet,” fügt ihre Vorgesetzte an.

“Womit?” platze ich dazwischen.

Stille. Fragende Blicke.

“Was meinst du, womit?”

“Womit ich das Profil erstellen soll.”

Erneut: Stille. Fragende Blicke.

“Na, mit deinem Handy natürlich.”

Jetzt: Betroffene Blicke, die Neue ist wohl etwas zurück geblieben.

“Und was ist, wenn jemand kein Smartphone hat?”

Nun hat es definitiv allen die Sprache verschlagen.

Das Unaussprechliche wurde ausgesprochen, das Undenkbare angedacht. Jemand könnte im Jahre 2016 noch über ein Telefon mit Tasten verfügen — eine bahnbrechende Theorie, aber eine, die es noch zu beweisen gilt.

“Dann hätten wir ein Problem,” sagt die Social Media Managerin.

Gut. Wir haben ein Problem.

Denn noch am selben Abend sorge ich höchst persönlich dafür, dass wir eines haben. Und es ist ganz einfach! Ich gehe auf Amazon. Ich suche “Nokia” und sortiere nach Preis, niedrigster zuerst. Dann steht ziemlich bald fest:

Unser Problem ist neongrün und hat schwarze Tasten und es kostet 30 Euro. Mein Herz rast, ich kann es selber fast nicht fassen, dass ich das tue.

Ich werde uncool sein! Ich werde ausgelacht werden! Das ist meine erste Woche… Ist das Ganze sogar ein Entlassungsgrund? Eine Schweißperle formt sich auf meiner Stirn.

Aber dann erinnere ich mich an meine vorherigen Jobs, in denen Vorgesetzte mich regelmäßig in meiner Freizeit per Whatsapp (!!) angeschrieben haben, um mich über Bagatellen zu “informieren”, die mich dann den ganzen Tag lange nicht losließen.

Ich drücke entschlossen auf “Kaufen”.


Einen Tag später ist es da und ich nehme es schnurstracks in Betrieb; das dauert ungefähr zehn Minuten, denn es “fehlen mir” keine Apps, nichts muss erst “eingerichtet” oder “synchronisiert” werden.

Keine Emails. Kein Facebook und kein Facebook-Messenger. Kein Pinterest, keine iMessages, kein Whatsapp, kein Telegram, kein Skype — und vor allem, VOR ALLEM kein Instagram.

Ich zittere etwas, als ich am nächsten Tag das erste Mal seit Jahren ohne Smartphone aus dem Haus gehe.

Tue ich das tatsächlich? Werde ich heute wirklich “nur” per SMS und Anrufe “erreichbar” sein? Werde ich mich leer und einsam und doof fühlen? Was ist mit den ganzen Partyeinladungen, die ja angeblich nur noch über Whatsapp kommen? Vielleicht habe ich einen riesigen Fehler gemacht. RIESIG!

(Eine Freundin erzählt mir später, sie hätte an jenem historischen Tag zu ihrem Herzblatt gesagt: “Die Frau Belli, die zieht das wirklich durch!”)

Auf der Ubahn krame ich meinen uralten iPod hervor; den hatte ich ja auch noch irgendwo rumliegen, und er hat tausende von Songs drauf, und ich freue mich ein wenig, als ich durch meine alten Playlists gehe und hier und da einen geliebten Song entdecke.

Einmal geht ein Lied etwas abrupt zu Ende und ich zucke zusammen, weil ich denke, huch! Da ruft jemand an. Dann realisiere ich, dass das ja gar nicht möglich ist. Es ist ja ein iPod. Ich weiß nicht wieso, aber irgendwie erleichtert mich das.

Am Hermannplatz muss ich warten und ich denke über etwas nach und will es reflexartig kurz googeln. Aber dann erinnere ich mich, dass ich jetzt ein neongrünes Handy mit Tasten habe und dass ich gar nicht googeln kann. Oh Gott. Muss ich das jetzt wirklich einfach so… im Raum stehen lassen? Werde ich die Antwort jetzt einfach… nicht sofort erfahren? Dann kommt mir DER Einfall: Wenn es mich später immer noch interessiert, kann ich es am Computer googlen, denke ich mir. Bis dahin kann ich einfach Ubahn fahren. Einfach so.

Ich weiß nicht wieso, aber auch das erleichtert mich.

Auf diesem Arbeitsweg gleite ich nicht durch die Flut von morgendlichen Pinterest-Inspirationen. Ich versuche auch nicht, meine endlosen Whatsapp-Gespräche am Laufen zu erhalten — es gibt sie nicht mehr, ich habe mich gelöscht. Die Nachrichten-App mit ihrer “Push-Notification” brauche ich, wie sich herausstellt, gar nicht; ich werde ja zum Glück auf sieben verschiedenen Bildschirmen in der Ubahn konstant daran erinnert, dass überall auf der Welt Scheiße passiert. Scheiße, die ab und an von einem deutschen Cervalat-Promi unterbrochen wird, der sich gerade scheiden läßt oder schwanger ist. Aber trotzdem.

Irgendwie kann ich heute gar nicht anders, als einfach nur da zu sein, wo ich bin. Das zu tun, was ich gerade tue. Und es ist so ungewohnt und erfrischend.

Und doch hat sich ja irgendwie gar nicht so viel verändert. Wenn mich jemand braucht, kann er ja einfach anrufen. Oder schreiben! Ich bin entzückt. Frischverliebt äuge ich mein neongrünes Klötzchen in der Tasche.


 

In den nächsten Wochen und Monaten zieht mein Telefon Aufmerksamkeit auf sich.

Obwohl es praktisch nie aus meiner Tasche kommt (warum auch? Ich höre ja, wenn eine SMS oder ein Anruf kommt, und viel mehr passiert damit ja einfach nicht. Aufladen muss ich es alle 2 Wochen). Aber es ist halt neongrün. Und es hat Tasten. Man hört es, wenn ich eine SMS schreibe.

Die Leute haben so ihre Fragen und konstruktive Anmerkungen.

Ein Mitarbeiter will wissen, wo ich das Teil gefunden hätte, in den 70er-Jahren? Viele fragen mich sehr ernsthaft interessiert, “wie es so ist” ohne Smartphone (wir haben das irgendwie komplett… vergessen). Wenn ich erzähle, dass ich irgendwie gar nichts vermisse, werden ihre Augen groß. Der eine oder andere raunt nachdenklich: “Das müsste ich halt echt auch mal ausprobieren.” So, als würden alle insgeheim sehnlichst mit dem Gedanken spielen.

Letztenendlich müssen alle erstmal lachen. Aber dann finden es alle sehr, sehr cool.

Und irgendwie auch etwas verlockend — definitiv, das merkt man, flammt hier und da die Nostalgie auf. Nur gibt es einfach so vieles zu bedenken! Meistens kommen folgende Fragen.

1. Was ich denn so mache, wenn ich eine Landkarte bräuchte?

–> Ich betrachte eine Landkarte. Die gibt es an jeder Bushaltestelle, alle 200 Meter. Zugegebenermaßen, einmal muss ich zum Arzt und dafür drucke ich mir vorher bei Google Maps etwas aus. Aber irgendwie macht es Spaß, mit offenen Augen durch die Gegend zu laufen. Das zweite Mal finde ich die Praxis ohne Probleme, weil ich WEIß, wo ich BIN.

2. Okay, aber was ich denn mache, wenn ich mal zu spät zur Arbeit komme; schicke ich da keine Email?

–> Nein. Ich komme halt einfach zu spät. Die Welt geht, wie sich nach ein paar anfänglichen Panikanfällen herausgestellt hat, auch ohne meine Pünktlichkeit weiter. Und zwar fast erschütternd nahtlos. (Ich könnte übrigens auch anrufen, aber hat meine Firma überhaupt noch eine Telefonnummer?).

3. Gut, aber WAS, wenn ich den Weg nicht kenne, keine Karte habe, UND keine Nummer, die ich anrufen kann? 

–> Tja, dann ist der Plan halt erstmal in die Hose gegangen. Shit happens. Und das Leben? Das geht einfach weiter. Ich konnte es ja selber kaum glauben, aber langsam merke ich, so ist es! Ich bin noch da. Es geht mir gut.

Die meisten Gespräche enden mit der Schlussfolgerung, dass es halt schon “ein krasser Schritt” sei. Und ich verstehe genau, was gemeint ist. Das war ja bis vor kurzem genau meine Meinung!

Aber gleichzeitig frage ich mich mittlerweile irgendwie schon auch, wie wir es in so kurzer Zeit so weit kommen lassen konnten. (Es ist ja nicht so, dass wir ein Leben OHNE Smartphone nicht gekannt hätten. SO jung sind wir nun auch wieder nicht.)

Braucht die Menschheit wirklich nur ein einziges Jahrzehnt an Smartphones, um das gesamte Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten sowie in die jahrtausendealte Beständigkeit des Lebens dermaßen auszuwischen?

Schlimmer noch, braucht es wirklich nur dieses eine Plastikteil, um einer ganzen Generation das Gefühl zu geben, jedes noch so unbedeutende Versäumnis, jedes ungegoogelte Fragezeichen und jede Antwort, die halt mal etwas länger braucht, könnte das Gleichgewicht der Welt demnächst ins Wanken bringen?

Ich kann es irgendwie fast gar nicht glauben, wie unsicher wir in unserem alltäglichen Leben geworden sind. Und unsere unterschwellige Gehetztheit, unsere winzige Konzentrationsspanne, unser permanentes Schuldgefühl macht für mich plötzlich vollkommen Sinn.

Dabei wäre ein Smartphone ja durchaus eine geniale Erfindung! Wenn wir es nicht, wie eigentlich alles,  dermaßen unbedacht übertreiben würden.


Währenddessen multipliziert sich mein Hipsterfaktor zunehmend, als mein Spotify eines Tages auf der Arbeit nicht funktionieren will und ich etwas beschämt meinen zerkratzten iPod hervorkrame.

“Oh mein Gott!” höre ich plötzlich hinter mir eine aufgeregte Stimme. “Das ist ja ein iPod!”

“Ehm, ja, weil mein Spotify geht ger–”

“Welches Modell? Wie viele Gigabytes? Das Teil ist ja sowas von geil!” Der zweimeterhohe Praktikant ist sichtlich begeistert. “Meiner sieht genau so aus! Ich habe einen Freund, der repariert die Dinger.”

Langsam aber sicher dämmert es mir: Ich bin cool. Retro-cool. Es ist ein eigenartiges Gefühl. Ungewohnt.


Während eines Social-Media-Photoshoots von knallgelbem Kurkumaeis kommentiert der polnische Fotograf mein Telefon. Er sagt er würde es lieben. Besonders der Fakt, dass es so… grün leuchtet.

“Es ist so krass hässlich”, sagt er, “dass es ein richtiges Statement ist.”

“Was denn für ein Statement?” frage ich erstaunt.

“Naja,” erklärt er, “Es ist nicht nur ein Telefon mit Tasten, es ist ein neongrünes Telefon mit Tasten. Viel lauter könnte deine Entscheidung gegen Smartphones nicht verkündet werden.”

Ich will protestieren, aber dann merke ich, dass er recht hat. Ich muss ein wenig über mich selbst schmunzeln.

Auch er raunt nachdenklich: “Das müsste ich halt echt auch mal ausprobieren.”

Am selben Tag treffe ich auf dem Weg nachhause eine Kollegin, die gerade ein paar Tage frei hat. Sie fragt, wie Scheiße mein Tag gewesen sei? Sie hätte ja nur ungefähr 50 Emails bezüglich unserer neuen Kampagne bekommen. Zum Beweis hält sie mir ihr iPhone entgegen — gerade leuchtet es auf und ich lese den Betreff einer Email von meinem Chef.

Ich frage sie entsetzt, ob sie allen Ernstes ihre beruflichen Emails auf ihr privates Gerät leitet. Sie sagt ja. Ich frage warum. Sie sagt, einfach. FREIWILLIG??? Ja. Aber warum schaltest du das nicht einfach aus, frage ich. Du bist doch gerade im Urlaub! Sie sagt keine Ahnung, sie hätte halt so Push-Benachrichtigung installiert und so. Ich denke mir, das ist irgendwie… genau keine Antwort.

“Du spinnst,” sage ich und lache.

Sie drückt grinsend meinen Arm und haucht: “Sagt die Dame mit dem neongrünen Telefon.”

Sie steigt aus. Ich fahre weiter.

Unterwegs schwirrt mir der Tag noch im Kopf und mir fallen tausend Sachen ein, die mich interessieren. Aber dann lasse ich sie wieder gehen. Ich kann ja gerade nicht googeln. Ich bin jetzt gerade einfach nur auf dem Nachhauseweg.  Und das ist irgendwie auch gut so.

PS: Norwegen hatte die ersten 2,5 Monate meiner Anstellung halt… kein Instagram-Profil. Ich durfte meinen Job trotzdem behalten. Der Markt ist deswegen übrigens nicht kollabiert.

A word with Frau Belli? Fire away!

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