“Wir kiffen alle”: Ein Abend mit dem Schöneberger Seniorenkickerklub

Woher die Idee genau kommt, weiß ich nicht mehr. Aber irgendwie weiß ich es einfach: Heute ist der Abend. Nach bald vier Jahren in Berlin,

DER Abend, an dem wir endlich, endlich “Robbys Dart Perle” betreten.

robbys dart perle
Fenster zu Robbys Dart Perle

Und zwar egal wie unangenehm es werden wird. Egal wie fremd wir uns fühlen werden. Egal wie schlecht wir sind im Dart spielen (– schlecht). Denn heute bin ich zu Abenteuern bereit. Es ist Freitagabend und die Woche, die hinter mir liegt, war eine gute Woche. Und wir sind in Berlin und der Frühling ist schön und man muss doch ab und an ein kleines Abenteuerchen haben!

“Wollen wir nicht lieber zu Mutter?” fragt der Norweger noch mit einem letzten Funken Hoffnung. “Bei Mutter gibt es 60 verschiedene Rumsorten,” hängt er noch an.

“Ich spüre es einfach, Mannli,” hauche ich. “Heute ist der Abend. Heute müssen wir zu Robby.”

Die Dart Perle liegt auf unserem täglichen Weg zum Nachbarschaftsedeka und sie ist eine typische Berliner Kneipe. Nein, nicht eine von den neuen, typischen Berliner Kneipen (mit den Secondhand-Möbeln, dem “Shabby-Chic Look” und der abgeblätterten Wandfarbe), sondern eine echte Berliner Kneipe.

Es gibt sie seit 1993. Sie ist aber nichts historisches. Sie ist nichts trendiges, und auch nichts, das dieses “aus Versehen trendig” auf sich hätte. Sie hat wirklich, einfach, ganz ehrlich, kein Potential. Null. Nada! Sie hat nur ein paar Dartautomaten, einen Kickertisch, aus einem mir unerklärlichen Grunde eine Buddhastatue.

Ihre Gäste passen auf den ersten Blick in folgendes Vorurteilsschema: Vermutlich sehr rechtsorientiert, vermutlich kleinbürgerlich, definitv laut, extrem rauchend und äußerst trinkend. Außerdem sind sie vermutlich alle über 50 und vermutlich seit Jahrzehnten vermutlich arbeitslos. Ich will ja nicht vorschnell urteilen, aber… Vermutlich!

Und heute ziehen wir nicht mit Scheuklappen an ihnen vorbei, nein. Zaghaft bleiben wir vor der Perle stehen, dummerweise gerade, als einer der Gäste aus der Tür tritt und uns misstrauisch äugt. Ich überwinde mich trotzdem — das erste Mal seit 4 Jahren werfe ich einen neugierigen Blick auf die Karte.

Die tiefen Preise erschüttern mich richtiggehend. Wie kann das überhaupt gehen? Die Zeit ist hier offensichtlich direkt nach der Eröffnung des Ladens stehengeblieben. Gerade will ich diese wichtige Information meinem Norweger weitergeben, da werde ich angehauen:

“Ja, wollda rinn kommn?”

Ich zucke zusammen. Der Mann hat gesprochen. Und, also, wenn ich ihn genau anschaue, sieht er eigentlich ja ganz nett aus. Im Gesicht. Etwas rauh, das schon, aber nett.

“Ehm. Wir… wir wollten Dart spielen,” erkläre ich. “Was kostet das denn?”
“Det kostet zwee Euro, wie an jedem Dartautomaten,” informiert er (aha). “Aber da ist jetzt grad eine Meisterschaft drinne, die sinn alle besetzt.”
“Oh!” ich bin etwas enttäuscht. Aber auch etwas froh. Vielleicht war das ja wirklich eine doofe Idee. “Na dann, vielleicht nächstes Mal (man lese: nie).” Bereits nehme ich den ersten Schritt in Richtung weg.
“Aber unsa Kickatisch iss frei,” ruft er plötzlich.
(Kickertisch = Tschüttelichaschte)
Ich bleibe stehen. “Ja?” Ein Zögern, denn ich liebe kickern.
“Ja doch, ja doch!” Es ist zu spät, er hat das Zögern wahrgenommen und krallt sich fest.

“Kommt rinn, kommt rinn!”
Ich beuge mich etwas vor und mustere die Kundschaft. Tatsächlich, alle um die fünfzig und weit darüber. Alle rauchen. Alle äugen uns ebenso interessiert, wie wir sie.

Bevor wir es richtig verstehen, werden wir ins schummrige Licht der Perle gesogen. Der Türmensch reicht uns strahlend die trockene, riesige Hand. Er sagt er heißt “Krille” und zeigt uns stolz den Kickertisch und ich habe mich noch selten so beobachtet gefühlt.

Ich versuche, demonstrativ locker zu wirken und lasse meine Tasche läßig neben dem Kickertisch auf den Boden sinken. Aber zu meinem Entsetzen schreit die komplette Bar auf.

“Nicht doch! Nicht die Tasche da!” krächzt eine Frau in der Ecke. “Dat wird doch jestohlen!”
Meine gespielte Läßigkeit verfliegt augenblicklich. Ich hebe die Tasche sofort wieder auf und verziehe mein Gesicht zu einer entschuldigenden sowie etwas verzweifelten Grimasse. Der Raum lacht.
Aha. Das tut man hier also auch, lachen. Eigentlich sympathisch. Ich entspanne mich wieder etwas.
“Und eure Jacken,” ruft ein anderer. “Da drüben!”
Nope. Wieder angespannt. Das kann ja ein Freudefestchen werden hier.
“Was?” frage ich verunsichert. “Was ist mit unseren Jacken?”
“Aufhängen,” zischt Krille in unsere Richtung. Er zeigt auf eine Wand im hinteren Teil der Bar. Da hängen noch viele weitere Jacken (Lederjacken, mehrheitlich).
Oh. Wir werden rot und gehorchen und hängen unsere Jacken an den Garderobenhaken auf.
Der Raum lacht wieder.

Zufriedenheit macht sich breit, das merkt man sofort, denn die Jacken hängen jetzt da, wo sie hängen sollen, und alles ist gut.

Die nächste Hürde ist die Bestellung. Die Bardame ist Mitte 60 und winzig und das Bierchen für den Norweger hat sie schnell gezapft, sie macht das ja schon ihr ganzes Leben — aber

für meinen Weißwein muss sie erst mühselig das einzige Weinglas vom obersten Regalbrett holen, das da oben thront wie ein Pokal, der nur zum Anschauen da ist.

Und dazu muss sie sich recken und strecken und balancieren und sie tut es, geduldig, voller stetiger Entschlossenheit. Und dann wird das uralte Ding erstmal entstaubt und ausgespült, das dauert alles eine Weile und es ist mir nun peinlich, so etwas kompliziertes bestellt zu haben.

Der nächste Schreck kommt auch sogleich, denn ich bemerke, dass wir bereits sehnlichst erwartet werden: Am Kickertisch steht nun nicht nur Krille, sondern auch ein Herr, der gefühlte 2 Meter groß ist und aussieht wie eine runde, grau-beschnauzte Robbe in einem bordeauxroten Pullover. Ich erstarre, denn mein Blick fällt auf seine Hände: Er trägt Kickerhandschuhe — und sie sehen sehr abgenutzt aus.

Etwas ängstlich bewegen wir uns auf den Kickertisch zu, für den Bruchteil einer Sekunde möchte ich mein Weinglaus darauf abstellen aber ich hätte es kommen sehen müssen:

“Nicht doch,” kreischt der Raum. “Das ist doch kein Tisch! Das ist ein KICKERtisch!”

Gut. Also nicht da abstellen. Ich wende mich etwas verloren hin und her und halte nach einer Abstellmöglichkeit Ausschau. Da, auf dem Fenstersims, da passt es der Bande. Erneut spüre ich die kollektive Zufriedenheit.

Dann beginnt das Spiel.

Wir verlieren. Ohne jegliche Chance. Es knallt und scheppert und die Bälle sind geradezu unsichtbar, wenn sie in unser Tor donnern. Krille und die zweimeter-Robbe langweilen sich, das merkt man, aber sie sind höflich und es tut ihrem Ego auch etwas gut.

Nach zwei Spielen sagen sie, sie wären nun müde. Ich weiß ganz genau, dass sie es nicht sind, aber es ist mir egal — jetzt können wir wenigstens alleine spielen. Ein romantisches  Länderspiel, Norwegen gegen die Schweiz, so wie wir das ja eigentlich wollten.

Doch es geht keine zwei Sekunden und wir haben neue Gegner. Der eine sieht meinem Opa sehr ähnlich: Er ist — wie wir später erfahren — 73 und anständig angezogen, er hat volles, weißes Haar und ist geradezu mallorcanisch braungebrannt, seine Zähne blitzen weiß und blaue Augen funkeln in vollen Wangen.

Neben ihm: Ein großer, dünner Herr in einem karierten Flannelhemd, verwaschenen Jeans und einem ergrauten Schnauz. Auch er sieht freundlich aus, ein wenig wie ein Lehrer, und stellt sich als Peter vor. “Und der hier ist Achim,” sagt Peter und drückt meinen Opa herzlich. Ich fühle mich wohler. Nun wird es bestimmt etwas berechenbarer, das alles. Etwas… vertrauter.

Aber dann, dann passiert es. Achim spricht.

“Eines möchte ich jetzt schon gesagt haben,” lallt mein Opa, “Wir kiffen hier alle.”

Ich glaube, nicht richtig gehört zu haben.

“Ich kiffe NICHT!” ruft Peter.

“Ja,” sagt Achim. “Du nicht. Stimmt. Du bist der einzige, der hier nicht kifft.” Er wendet sich wieder uns zu: “Dafür trinkt er! Wir trinken alle! Und kiffen!”

Achim wollte das nur mal kurz gesagt haben, und mit dieser äußerst wichtigen Mitteilung beginnen wir das Spiel.

Achim und Peter sind schon eher auf unserem Level; jedes Tor ist beiderseits hart umkämpft, wir kennen keine Gnade. Ich hege den starken Verdacht, dass unsere Gegner nicht nur betrunken, sondern tatsächlich auch bekifft sind (auch Peter). Es fällt uns dennoch schwer, Tore zu schießen.

Als Achim hört, dass mein Norweger ein Norweger ist, nimmt er dessen (bleiche) Hand in beide seine (braunen) Hände und verbeugt sich. “Norwegen!” sagt er sanf. “Breivik, oh mein Gott.” Er schlägt die Hände vor dem Gesicht zusammen. “Oh Norwegen.” Es tut ihm leid.

2015-10-15 18.09.03
Auf dem Weg zu Robby

Etwas später erzählt Achim, dass es mal eine Zeit gab, in der er “in die Diskothek musste”. Er sagt immer “Diskothek”. Ich bin entzückt. Er erzählt, dass es ihm egal war, wie er aussah, er musste einfach tanzen, aber er glaubt, er war ziemlich gut (ich sage, das glaube ich auch).

“Schön gehalten” ruft mir Peter zu. Er ist fair. Er freut sich sowohl für uns als für sich selbst. Mit der Zeit aber wird das Resultat immer schlechter — für unsere Gegner. Endlich sieht es so aus, als würden wir bald siegen. Achim stöhnt genervt vor sich hin.

“Ach, es ist so eine Sache mit den Frauen,” sagt er plötzlich. “Da gebe ich immer bewusst etwas nach.” Er zwinkert mir flirtend zu.

Ehm.

“Was für eine faule Ausrede” ruft Peter jedoch zu meiner Überraschung aus. “So etwas langweiliges habe ich schon lange nicht mehr gehört!”

Achim wird etwas rot im Gesicht vor Wut, er verliert nicht gerne und die Beschaffenheit meiner  Geschlechtsorgane wären jetzt die ideale Entschuldigung für sein Versagen gewesen.
Währenddessen steigt Peters Bewunderung für mich, denn es gelingt mir, einige von seinen Schüssen abzuhalten. Ich höre, wie er bewundernd raunt: “Die läßt mich gar nicht durch, Achim, da kommt gar nix rinn!”
Und meine Antwort, ich überrasche mich selbst:

“Ja, nicht wahr, Peter. Wir Frauen eben.”

Peter bricht in schallendes Gelächter aus.
“Die iss rischtisch jut die,” grinst er.

Nach ein paar Spielen nimmt Achim unsere Hände in seine (er tut das gerne) und sagt: “Wisst ihr, wir haben hier alle 14 Tage Kickertreff. Jeden zweiten Freitagabend. Und wir freuen uns immer so sehr, wenn wir neue Gesichter sehen.” Er strahlt uns an.

“Es ist toll, dass ihr da seid!”

Als er letztendlich meinen Namen hört, fürchte ich, dass er bald in Tränen ausbricht. Es gab mal eine Diskothek, sagt er, also eine Diskothek war das! Ich sage, nein, du meinst das Schlagerlied. “Ja das auch”, sagt er, “aber hier, in Berlin, eine Diskothek! Mit deinem Namen.” Er wirkt verträumt. “Ach Ach.” Ich kann es in seinen blauen Augen sehen, er träumt von alten, besseren Zeiten.

Der Abend verfliegt, wir spielen auch noch mit einem älteren Herrn im Anzug und einer schwarzumrahmten, eckigen Brille, er heißt Harald und wie seine Erscheinung es bereits vermuten läßt versteht er überhaupt keinen Spaß. Er sagt kaum ein Wort und Peter lacht nervös, um uns zu beruhigen.

Am Ende erzähle ich Krille sogar von unserem anfänglichen Zögern. Er versteht es nicht.
Um es etwas klarer zu machen, spreche ich also das Offensichtliche aus: “Naja, Krille, wir passen hier ja… nicht so ganz rein.”
Seine Augen sind zwei Fragezeichen. Was ich damit meine, fragt er erneut.
“Du willst mir wirklich sagen, dir ist nichts aufgefallen?”
“Was denn?” sagt er. Nein, er versteht mich wirklich nicht.
Ich gebe auf und erkläre ihm, dass ich mich zu Beginn etwas fehl am Platz gefühlt hätte, aber dass das wohl einfach meine Wahrnehmung gewesen sei.

Plötzlich wird sein Gesicht weich. In Charlottenburg, sagt er, da fühlt er sich genauso.

Wir werden müde.

Als Krille fragt, was eine Schweizerin hier in Berlin macht, nehmen wir gerade unsere Jacken von den Haken (wir dürfen jetzt).
Auf dem Weg zur Türe sage ich: “Das erzähle ich dir in 14 Tagen.”
Krille strahlt über das ganze Gesicht.

Als wir vergnügt in die Mitternacht stolpern, hören wir hinter uns ein lautes

“Na dann, bis in 14 Tagen!”
Krille klingt glücklich.

Plötzlich weiß ich, warum wir heute Robby besuchen mussten.

PS: Wer sich nicht vor der Robbe und der strikten Kleiderhakenordnung fürchtet, darf kommenden Freitag gerne mitkommen — der Schöneberger Seniorenkickerklub würde sich bestimmt freuen.

8 thoughts on ““Wir kiffen alle”: Ein Abend mit dem Schöneberger Seniorenkickerklub”

  1. i brich zamm, sooooo genial, find’s einfach Hammer, das Ihr das gemacht habt und wies beschrieben wurde, unbeschreiblich gut!

    love Mom

    Von meinem iPhone gesendet

    >

    Liked by 1 person

  2. Ich glaube in Berlin hat jeder so eine “Robbys Dart Perle” vor der Haustür, in die man immer durch die schummrigen Fenster reinspäht, sich aber doch nicht traut sie zu betreten. Nach deinem Beitrag nehme ich mir nun fest vor die Schmalzbrote im “Zum Hecht” doch mal zu probieren ;)

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