“Sorry Leute, heute ist mein letzter Tag.”: Das Berliner Startup

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Blick aus dem Büro

Wir schreiben den 1. Februar 2016, viertelvor Zehn morgens, und Frau Belli steht kurz davor, ihre Stelle als Online Marketing Managerin anzutreten.

Wie sie den Job genau geangelt hat ist ihr selbst etwas unklar; studiert hat sie das alles jedenfalls nicht und Norwegisch spricht sie auch nur so schwavelmäßig. Aber das hat sie auch mehrfach betont in ihren — Plural — Bewerbungsgesprächen.

“Ich mache das nur, wenn ALLE wissen, dass ich noch viel zu lernen habe. Vor allem Norwegisch. Ich muss wissen, dass ich vom gesamten Team volle Rückendeckung habe. UND, dass DU mich voll und ganz einarbeitest.”

Ja, meinte ihr Gegenüber mit den leuchtend rehbraunen Augen. Selbstverständlich! Ist ja klar. Es seien sich natürlich alle im Team bewusst, dass ich “voll-junior” sei. Und, dass ich das alles nicht nur zum ersten Mal, sondern auch noch zum ersten Mal auf Norwegisch machen würde. Was ja zugegebenermaßen — das sagte sie dann schon auch noch — ein klein wenig ambitiös sei.

“One could say you’re… ambitious” sagte auch der fremde Norweger, der meine Sprachkenntnisse kurz später auf Herz und Nieren prüfte. “That’s good. Ambition is good.”

Na dann! Warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht? So ist das nun mal mit Frau Belli. Das kriegen wir schon irgendwie hin.

Und selbstverständlich, meinte Madame Rehbraun, würde sie Frau Belli unter ihre Fittiche nehmen. Sie würde das unerfahrene Ding natürlich mehrere Monate anlernen und für alle Fragen da sein. Alles gar keine Frage. MUSS ja sein, in so einer Position.

Gut. In dem Falle haben wir eine Abmachung, sagte Frau Belli. Und fühlt sich erleichtert.

Dann also der 1. Februar 2016. Der Aufzug rattert für meine Verhältnisse etwas zu stark, und dann geht die Tür auf zum 8. Stockwerk und vor mir breitet sich das Startup aus wie es leibt und lebt — bequeme Sofas räkeln sich sonnengelben Wänden entlang. Wände, auf denen weiße Motivationssprüche stehen, und junge Menschen mit Laptops hängen zwischen den Kissen und halten in dieser sonnendurchfluteten “Lounge” offensichtlich Meetings ab.

Im “get-together”-Raum dann der Kickertisch (Tschüttelichaschte, für meine Schweizer Freunde) und die kostenfreie Club Mate (ja, wirklich).

Ich werde sogleich mit einer weiteren Neuen anhand von einer Power-Point-Präsentation “ge-onboardet”. Soweit, so gut.

Und ich weiß schon, was als nächstes passieren wird. Man wird mich zur IT schicken. Ich werde meinen Laptop ausgehändigt bekommen. Dann werde ich von Raum zu Raum geführt werden, allen mal kurz hallo sagen, meinen Platz neben Madame Rehbraun  einnehmen und erstmal alles ein bisschen… mental aufnehmen. Mein Emailprogramm einrichten. Meinen Browser festlegen. Mittagessen gehen. Dann vielleicht die erste Aufgabe kriegen und sie dann etwas zitternd vor Aufregung erledigen. Ein normaler, erster Tag halt. Da gibt es noch nicht massenhaft zu tun.

Oh Frau Belli. Naive Frau Belli.

Ich schwebe also — in mir ruhend und vorbereitet auf alles — vom Onboarding zur IT, hole mir meinen Laptop und betrete erwartungsvoll den Marketing-Raum. Ich erblicke Madame Rehbraun und fühle mich schon jetzt gut aufgehoben.

Hier ist sie! Meine Stütze! Meine Mentorin!

Meine leitende Hand, die mich auf Norwegisch geduldig durch die Monate begleiten wird, bis ich das alles ganz von alleine kann. Bis ich weiß, wie man auf Norwegisch mit anderen Firmen Deals abschließt. Bis ich weiß, wie man mit Bloggern Kooperationen eingeht, wie man Budgets im Tausenderbereich verwaltet und sich vor Vorgesetzten für die “schlechte Performance” des norwegischen Marktes im Juli rechtfertigt. Ein fließender Übergang wird es sein. Reibungslos, bestens durchplant. Denn für mich ist gesorgt. Das habe ich sicher gestellt.

“Okay, so I have bad news.” Madame Rehbraun lächelt etwas zaghaft, beinahe entschuldigend. “Today is my last day here.”

Ich erstarre.

“We have (sie blickt kurz auf ihre kleine Armbanduhr)… about six hours to get as much done as possible.”

Ich meine, nicht richtig gehört zu haben. Ich wünsche mir außerdem sehnlichst, dass sich hier jemand gerade einen sehr unlustigen Witz erlaubt. Aber nein! Es ist wahr. Ich kann es am Ernst der rehbraunen Augen erkennen.

Dann geht alles ganz schnell. Die nächsten sechs Stunden bewegen wir uns nicht vom Platz. Ich habe keine Zeit, mein Emailprogramm einzurichten, sehe aber, dass ich bereits 106 ungelesene Emails habe. Ich habe auch keine Zeit, mit meinen neuen Kollegen im Raum ein kurzes “Hallo” auszutauschen. Als erstes müssen wir leider bis zwölf Uhr unbedingt den wöchentlichen Rapport erstellen, und dazu müßen wir aus drei oder vier verschiedenen Webseiten Zahlen ziehen — ganz viele Zahlen, Euros und Klicks und CPCs und CRs und CRRs und AOVs und Cost und Revenue und CMIIs. Dank meines Praktikums weiß ich in Theorie, was die Begriffe bedeuten. In Theorie.

Ich frage Madame Rehbraun, warum sie so plötzlich geht. Sie weitet ihre Augen und atmet aus mit einem “Du verstehst mich bestimmt”-Blick.

Eineinhalb Jahre sei sie hier schon dabei, sagt sie. Das sei halt echt einfach zu lange in der Startupwelt. Es müsse nun wirklich mal ‘ne neue Herausforderung her.

Stichwort Herausforderung, wir entdecken bereits ein Problem; ein Roboter klickt sich durch unsere Werbungen und verursacht zu viele Kosten, das ist natürlich gar nicht gut, das müsse ich dann sofort am nächsten Tag regeln (aha). Oh und dieser Anbieter hat unseren Gutschein noch nicht online, denen soll ich einfach kurz eine Wilkommensemail schreiben und sie an den Gutschein erinnern. (Aha). Und dann solle ich im Verlaufe der kommenden Wochen meine Deals für März aufsetzen, die Werbetexte verbessern und mindestens einmal die Woche den Blog updaten. (Aaaaha.). Facebook brauche “nur” so drei bis vier Posts die Woche, da solle ich einfach einmal im Monat einen Freitag blockieren und alle Posts im Voraus erstellen.

Es ist nach sieben Uhr abends, als ich aus dem Gebäude stolpere. Zuhause liege ich mit geschloßenen Augen auf der Couch und weiß gar nichts mehr. An den kommenden Tag möchte ich gar nicht denken. Ein Roboter??

Am Dienstag ist Madame Rehbraun weg. Ich setze mich an ihren Platz am Fenster neben der Orchidee und weiß nicht so recht, wo anfangen. Aber das ist auch gar nicht nötig, denn ich habe heute 5 Meetings (!). In keinem habe ich eine Ahnung, wovon die Rede ist. Kaum denke ich, jetzt habe ich eine Stunde Zeit, um mal meine 106 Emails zu durchforsten, werde ich ins nächste Meeting mitgezogen. Über Mittag wurde ich für ein “Lunchdate” von meinem norwegischen Team gebucht, es sind alles Männer und wir gehen mexikanisch essen und ich sitze zwischen ihnen und gebe mein bestes, alles zu verstehen, was sie zwischen Tortilla und Guacamole in verschiedenen Dialekten posaunen. Ich sitze an diesem Tag vielleicht insgesamt eine Stunde lang an meinem neuen Plätzchen, den Rest renne ich von Raum zu Raum, von Sitzung zu Sitzung. Zum Roboterproblem komme ich gar nicht erst.

Am Mittwoch habe ich nur 2 oder 3 Meetings. Ich komme an und kann endlich meinen Computer ein wenig einrichten. Ich wühle mich innerhalb weniger Stunden durch die Emails. Es sind alles Konversationen, die schon seit Wochen laufen — Fragen, für die ich erst mal den gesamten Verlauf lesen muss, weil ich ja jetzt niemanden habe, der mir das kurz mal zusammenfassen kann. Ich werde gefragt, wie mir meine ersten drei Tage so gefallen haben. Ich lächle und sage ehm ja. Es ist… eine Herausforderung? Nachts träume ich von norwegischen Emails und von Bindestrichen und von Emails, die ich nicht gelesen habe.

Am Donnerstag habe ich noch ein paar Meetings aber ich beginne, in meinem Kalender kategorisch ganze Zeitblöcke zu blockieren. Weil… Wann soll ich denn sonst anfangen, meinen Job zu machen? Und wen kann ich wegen dem Roboter fragen? Und wo bestelle ich einen Banner? Und was mache ich, wenn diese Rechnung 100 Euro höher ist, als es unsere Berechnungen sagen? Jörgen sagt, ich müsse unbedingt, UNBEDINGT die Woche schon mit den Negatives anfangen, wenn nicht sogar mit den Positives. Aber mindestens die Negatives, die seien — er schaut mir in die Augen — wirklich, wirklich wichtig. Das kostet echt Geld, wenn du das nicht machst. Abends, als ich das Gebäude verlasse, merke, ich, dass ich einen Körper habe. Das habe ich ganz vergessen. Ich war irgendwie acht Stunden lang gar keine Person mehr. Nur noch ein Kopf. Nachts träume ich von norwegischen Emails und von Bindestrichen und von Emails, die ich nicht gelesen habe, UND von Negatives, von denen ich nicht weiß, wie ich sie “mache”.

Am Freitag fühle ich ein Kratzen im Hals. Bitte nicht. BITTE nicht! Ich kann nicht krank werden! Nicht, wenn der Roboter noch nicht stillgelegt ist und diese Negatives noch rumlauern und ich sieben Blogger anstehen habe, die fragen, ob wir sie sponsern können. Können wir das? Was ist mein Budget? Lilly lässt verlauten, dass ich dann noch das Paket für den  Wettbewerbsgewinner verschicken müsse. Um zehn Uhr kommt Stefan in den Raum und räuspert sich. Dann sagt er:

“Leute, ich muss euch leider was sagen.”

Er muss es gar nicht sagen, schon aus meiner letzten Startup-Erfahrung weiß ich ganz genau, was jetzt passiert. Er sagt es trotzdem:

“Also, es tut mir auch echt leid, dass ich es euch nicht früher gesagt hab. Aber heute ist mein letzter Tag.” Er blickt unsicher um sich. Wir schauen ihn unüberrascht an. “Ja und ich geh jetzt auch gleich. Ich pack nur noch meine Sachen. Tut mir echt leid.”

Wir sagen alle etwas vonwegen “ach wie schade.” Dann wenden wir uns wieder unseren Laptops zu. Scheiße, schon wieder drei neue Emails? Wie kann denn das sein?

Das Wochenende verbringe ich in Schock. Ich gehe spazieren und Wein trinken, aber innerlich denke ich, das geht auf gar keinen Fall. Niemals. Niemals schaffe ich das. Wie denn auch? Und jede Email, die ich schreibe, muss ich zur Korrektur noch kurz an einen der Norweger schicken. Die Firma darf ja nicht wie ein ausländischer 3. Klässler klingen. Und überhaupt. Der Roboter!

Die nächsten drei Wochen sind ungefähr gleich. Jeden Tag kommen Aufgaben angeflattert, von denen ich gar nichts wusste. Was, das muss ich AUCH noch machen? Wann?  WANN genau soll ich das denn alles machen? Kann mir das mal jemand erklären? Louise lacht.

“Oh dear. That is exactly the question that everyone here has”, grinst Louise.

“Welcome to the cluuub!”

 

PS: Mittlerweile hat der 3. Monat begonnen. Ich verschicke jeden Tag fleißig Emails und Pakete, ich “pushe” je nach Bedarf meine verschiedenen “Marketing Channels” und frage als nun alter Hase den Neuen jeweils mitleidig: “Und, wie waren die ersten drei Tage?” Als Federico aus seinem Urlaub in Thailand zurück kam, war sein Job leider nicht mehr da. Dafür sitze jetzt ich an seinem Platz, denn eines Tages saß an MEINEM Platz ein anderer.

PPS: Den Roboter habe ich gekillt.

2 thoughts on ““Sorry Leute, heute ist mein letzter Tag.”: Das Berliner Startup”

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