Berlin tut weh

“Kein Ort der Welt hat mir jemals so klar zu spüren gegeben, dass ich schon morgen auf der Straße leben könnte.”

Sie lacht, aber ihre Hände zittern und darum verschränkt sie ihre Arme vor der Brust, ihre Mundwinkel zucken. Zuvor hat sie in Brüssel gelebt, und davor in den USA und Südamerika. Ihre Eltern sind Professoren; sie ist gebildet und versiert. “Wenn wir keinen Job finden, sind WIR das,” habe sie damals zu ihrem Mann gesagt, als sie angekommen seien und die vielen Bettler gesehen hätten.

Es erinnert mich an meine ersten Monate in Berlin. Fast hätte ich sie vergessen — vielleicht auch verdrängt. Das würde erklären, warum sich noch heute in schwierigen Zeiten in mir ein tiefes Unbehagen breit macht.

Damals waren die Tage geprägt von Faszination, freudiger Bewunderung und zugleich abgrundtiefem Horror. Ich musste irgendwie den Fuß in die Tür dieser Stadt kriegen und servierte darum zur Not für fünf Euro die Stunde Röschti; am Ende des Arbeitstages war ich zu müde für die Jobsuche und um lediglich 35, vielleicht 40 Euro reicher. Ich erinnere mich an die Woche, in der ich tagelang zögerte, bevor ich für die Uni die Packung Druckerpapier für 5 Euro kaufte. Für einen Cappuccino zwischendurch putzte ich eine halbe Stunde lange Tische und schleppte Getränkelieferungen und schnitt Brotwürfel. Der Kinobesuch für 8.50 Euro oder gar 10 Euro war ein besonderes Ereignis. Abends erzählte mir meine damalige Mitbewohnerin und liebe Freundin von ihrem Leben und dass sie zwar nun mit ihren über fünfzig Jahren nicht mehr die Jüngste sei, leider aber als Künstlerin keine Rente hatte.

Aber mir ging es gut und das wusste ich. Denn ich sah die vielen, vielen Leute, die täglich die Mülleimer durchwühlten um sich das Pfand der Flaschen zusammen zu kratzen.

Die endlose Parade von Musikanten, die die Fahrgäste jeden Tag auf der U-Bahn ungefragt zudröhnten oder zuklimperten oder zurappten, um ein paar wenige Cent abzukriegen. Die Straßenfeger- und Motzverkäufer, die ebenfalls jeden Tag auf der U-Bahn und in Cafés um die Aufmerksamkeit der Glücklicheren baten, sich für ihre Nerverei entschuldigten, ihre Texte im Dauerschlaf aufsagten. Es war irgendwann nicht mehr allzu überraschend, dass man manchmal Menschen sieht mit verfaulenden Gliedmaßen, die den Gestank von Verwesung um sich tragen und die U-Bahn-Gäste mit Brechreiz flüchten lassen. Menschen, denen das Blut am Schenkel durch die Kleidung sickert, denen die Jeans darum am Bein klebt und die von einem Mitfahrenden angeschrien werden, sie sollen sich verpissen, sie würden übel riechen und ob sie sich eigentlich nicht schämten. Menschen, die im Winter in der U-Bahn schlafen und bei der nächsten Station von Sicherheitskräften rausgebeten werden. Und dann die Menschen, die sich in die Punk-Ära der Siebziger zurücksehnen und in Biergrüppchen an der Warschauer rumhängen und einem ein böses “Danke für NICHTS!” zuzischen, wenn man ihnen kein Geld für NICHTS gibt.

Berlin war damals endlos, weit, unergründlich, und auf seine raue Art oft wunderschön. Aber Berlin war auch grau, harsch, und gleichgültig.

Ob ich blieb oder ging, das wusste ich ganz genau, Berlin ist das egal. Und daran hat sich nichts geändert.

Continue reading “Berlin tut weh”