“Du magst also Dackel”: Begrüßung des CEO

Früh am Morgen — so früh, wie ich es zu meinen Studentenlebzeiten zugegebenermaßen kaum jemals erlebt habe — schlängle ich mich zuerst eine Weile auf der gelben U-Bahnschlange durch den Untergrund, dann wühle ich auf dem doppelstöckigen Buswurm durch das verkehrsverstopfte und zugleich verschlafene  Neukölln. Beim Rathaus mache ich einen Stopp; den langen Weg bin ich mich gar nicht gewohnt und muss in den Arcaden erstmal einen kleinen Toilettenhalt einlegen. Die Läden sind alle noch zu (es ist zwar eigentlich schon 8:30 Uhr, aber wir sind hier nicht in der Schweiz. Alles vor 9 ist unmenschlich, und wenigstens eine Stadt der Welt hat dies erkannt).

Jedenfalls bin ich viel zu früh dran, aber was soll’s: Es ist mein erster Tag, und da soll alles perfekt sein. Perfekt, sage ich!

Ich werde professionell sein. Ich werde mich total erwachsen verhalten. Arbeitsfreudig, unauffällig, diskret. Ganz vollständig normal.

Beschwingt stoße ich mit diesem inneren Mantragemurmel die gläserne Tür auf zu meinem neuen Reich, und werde sogleich von einem strahlenden Gesicht begrüßt. Er stellt sich vor und reicht mir enthusiastisch die Hand. Ich sage auch sogleich mit einem breiten Lächeln “Frau Belli” und rechne mit allem, aber wirklich mit allem — nur damit nicht:

“Ah, hallo Frau Belli!” Er legt den Kopf schräg, seine Augen verengen sich zu neugierigen Schlitzen. Dann kommt der Schlag: “Du magst also Dackel!”

Sein freundliches Strahlen geht in ein verschmitztes Grinsen über. Ich bin sehr entsetzt. Wer ist das? Der Typ vom Bewerbungsgespräch ist das jedenfalls nicht.

Ich leugne es natürlich nicht. Nein, ich gebe es vor diesem mir wildfremden Menschen sofort zu: Ja, ich liebe Dackel. Ich schütte ihm auch gleich mein Herz aus darüber, wie mir mein Vermieter gerade erst ein Dackelverbot auferlegt hat. Sein Gesicht verzieht sich voller Mitleid. Ich fühle mich angenommen und schon ganz, ganz wohl. Hier versteht man mich. Hier fühlt man noch so richtig mit. Von Anfang an. In allen Angelegenheiten.

Wie sich einige Stunden später herausstellt, war dies der CEO. Ich wiederhole. Der CEO.

Wie war das noch eben? Diskret? Ganz vollständig normal? Total erwachsen?
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