“Wir erhalten aktuell eine außerordentlich hohe Anzahl an Bewerbungen.”

Berliner Bewerberalltag, Teil II
(Hier geht’s zu Teil I)

“Runden? Es gibt keine weiteren Runden. Wenn’s passt, dann passt’s — und daran ändern auch weitere ‘Runden’ nichts.”

Vielleicht hat er ja meinen letzten, eher beissenden Beitrag über den Berliner Bewerberalltag im Jahre 2015 gelesen (“Jetzt machen wir ein Rollenspiel.”). Vielleicht ist er ja aber auch einfach nur ein ungewöhnlich menschlicher Mensch. Ziemlich sicher beides. Jedenfalls äuge ich mit einer kleinen Portion Skepsis das freundliche Gesicht, das mir bei 38° Celsius auf meinem Bildschirm entgegen flimmert. Ich sitze mit einem Glas Eiswasser und einem Eis-Rosenwasserspray in meinem Wohnzimmer und bin, gelinde gesagt, etwas erstaunt.

Was soll das heissen, keine weiteren Runden? Kein weiteres Auswahlverfahren? Auch keine zweiten und dritten Bewerbungsgespräche? Keine ‘Challenge’-Artikel, die ich mal spontan im Urlaub zum Thema ‘Golfhotels im Tirol’ schreiben und möglichst ‘zeitnah’ zurücksenden soll? Auch keine unbezahlten Probetage, die zur Krönung des Anlasses mit einer von mir selbst hastig zusammengestellten Powerpointpräsentation enden sollen? Und was ist mit den taschenrechnerlosen Rechenübungen? Ganz abgesehen davon habt ihr doch meine People Skills noch gar nicht mit ausgefallenen Rollenspielen getestet! Und last but not least konnte ich auch noch gar nicht mehrfach betonen, wie sehr ich Herausforderungen aller Art liebe, ja geradezu brauche.

Aber er bleibt dabei und sagt: “Keine weiteren Runden.” Besser noch: Er versteht gar nicht, wieso es überhaupt weitere Runden geben soll. “Ich hab am Montag noch ein weiteres Gespräch und meld mich dann am Dienstag,” hängt er an.

Oh wow. Also jetzt wirklich mit der absolut finalen Entscheidung?! Aber! Aber wir haben doch erst einmal geskyped. Der gute Herr hätte theoretisch im lachsrosafarbenen Minirock aus Flamingofedern vor dem Bildschirm sitzen können und ich hätte nichts von dem Spektakel mitgekriegt. Vielleicht ist ja die gesamte Firma hosenlos. Nicht, dass das grundsätzlich eine Rolle gespielt hätte — aber trotzdem. So wenig weiss ich konkret über den Arbeitsplatz! Ich weiss noch nicht mal, wo genau das Büro liegt und wie es aussieht. Wonach es da riecht, wie laut es ist, wer vegan isst oder die meisten Aquarell-Tattoos trägt. Findet da auch jeden Freitagnachmittag ein Team-Event statt? Machen wir zusammen Yoga, wie in der Firma meines Norwegers? Plötzlich realisiere ich, dass so richtig traditionelle Bewerbungsgespräche auch für den Bewerber ihre Vorteile haben. Aber eigentlich ist mir das völlig egal. Die unkomplizierte, direkte Art gefällt mir, und Flamingos finde ich toll. Wenn man denen keine Krebschen füttert, werden sie schneeweiss, das finde ich traurig. Ich mag sie pink, so wie Nilpferdmilch.

Jedenfalls, eigentlich bin ich von der Aussage geradezu entzückt und fühle mich das erste Mal seit langem wie ein… ein Mensch. So ein richtiger Mensch, der sich wie ein Mensch bewirbt, und mit dem man dann wie ein Mensch redet. Nicht wie ein unzugelassenes und potentiell schädliches Medikament, das erstmal mit Wegwerfhandschuhen auf alle Risiken und Nebenwirkungen geprüft wird.

Dabei wäre diesmal nun von Seiten der Arbeitgeber tatsächlich etwas Vorsicht angebracht gewesen, denn meine letzte Serie an Bewerbungen bewegte sich meiner persönlichen Meinung nach optisch und inhaltlich fast schon grenzwertig auf dem grellsten und gewagtesten Niveau überhaupt. Ich hatte schlichtweg alles gegeben. Alles! Zum Beispiel! Wenn man die Datei öffnet, schlägt einem kein normales Schreiben, sondern ein Lebenslauf mit einem großen Panoramabild meiner glorreichen Selbst entgegen. Aber nicht nur das: Ich trage ein Baseball-Cap und halte meine Augen geschlossen. Geschlossen, sage ich! Der Wind weht mir flüsternd durch die Haare. Im Hintergrund die wolkenlose Skyline San Franciscos. Ich fühle mich frei, und das sieht man. Außerdem meine ich, mich erinnern zu können, dass ich auf dem Bild auch einen Schal mit Dackel-Print trage.

Viel unkonventioneller geht es bei einem Bewerberbild nun jedenfalls wirklich nicht. Aber gut, wenn man mich sonst nicht wahrnimmt, dann muss ich eben einen Gang hochschalten. Ich unterstreiche mein Bild mit den wichtigsten Schlagwörtern, die meine Stärken auf den Punkt bringen. Ich kann ‘content’ producen, ‘managen,’ und ‘researchen’. Ich kann in verschiedenen Sprachen labern und kritzeln. Und oh ja, genau, ich kann natürlich auch ‘Social Media’!

Das Motivationsschreiben sagt jetzt die noch wahrere Wahrheit. Ich presse meine Sprache nicht mehr länger in das typische Bewerberbrief-Schema. Jetzt spricht eine zwar einigermaßen polierte, aber doch spürbar echte Version von Frau Belli. Also. Als erstes warne ich Sie vor: Das und das und das kann ich schon mal nicht. Erwarten Sie also gar nicht erst, dass ich diese Qualität bereits mitbringe. Ich will es aber sehr gerne lernen; genau deshalb bewerbe ich mich ja bei Ihnen. Dafür kann ich, wie Sie sehen, das und das und das. Das kann ich dafür sehr gut. Ansonsten bin ich nett und ich mag Dackel.

Ich giesse mein Herzblut, einen gezähmten Teil meines Humors und auch eine gehörige Portion Seriösität in dieses neue Set von Bewerbungen. Alle Farben und Schriftarten und Größen sind aufeinander abgestimmt. Stundenlang optimiere ich alle Details und betrachte jede Bewerbung aus sieben verschiedenen Blickwinkeln. Vier gehen am Tag vor meiner Woche Mama-Urlaub auf Teneriffa raus. Ich bin voll in Fahrt und freue mich für ein Momentchen über meinen eigenen Fleiss. Aber eine der Bewerbungen revanchiert sich bereits wenige Sekunden nach dem befreienden und etwas angsteinflössenden “Swoooooosh!” des Mail-Programmes mit einer automatischen Antwort. Diese sagt:

“Falls es sich bei Ihrer E-Mail um eine Bewerbung handelt, bitten wir Sie folgendes zu beachten: 1. Wir erhalten aktuell eine außerordentlich hohe Anzahl an Bewerbungen. Um jede Einzelne sorgfältig und ausführlich zu prüfen, benötigen wir teilweise etwas mehr Zeit als üblich. Dafür bitten wir Sie um Entschuldigung. 2. Sollten Sie innerhalb von 14 Tagen nichts von uns hören, bitten wir Sie höflich um eine kurze Nachfrage zum Stand Ihrer Bewerbung per E-Mail.”

Meine Damen und Herren, ich habe soeben eine digitale Ohrfeige erhalten. Sie ist ja nett gemeint, aber doch äußerst entmutigend. Kaum habe ich die Datei voller frischer Hoffnung abgeschickt, werde ich also bereits daran erinnert: Du bist eine von Tausenden. So als hätte ich das mal eben kurz vergessen können. Ein kleines Stück meiner Euphorie wandelt sich schlagartig in Wut um.

Aber: Diesmal melden sich alle vier Angeschriebenen — und der Absender der besagten automatischen Antwort sogar als allererstes, gleich am nächsten Tag. Sie finden meine Bewerbung ‘aussagekräftig’ und mein Profil ‘sehr interessant’. Aha! So geht das also. Panoramabild und Dackel, das ist wohl die entscheidende Kombination. Der Tip mit der ‘ausgefallenen Bewerbung’ ist wohl durchaus ernst zu nehmen.

Und so kommt es, dass ich mich erneut hoffnungsvoll vor verschiedenen fremden Gesichtern mit verschiedenen, forschenden Stimmen finde. Ein Telefongespräch hier, ein Skype-Gespräch da, und ein Gespräch von analogem Angesicht zu Angesicht an einer dritten Stelle, die Vierte will gerne einen Challenge-Text.

Und jetzt sagt einer davon: “Runden?” Als wären die Worte ‘Assessment’ oder ‘Probetag’ ein Fremdwort für ihn. Er lacht. Etwas in mir atmet das erste Mal seit langem entspannt aus. Ein, zweimal getraue ich mich, einen Witz zu reissen, und der Effekt bleibt derselbe: Er lacht wieder. Ha! Interessant.

Er stellt mir ein paar fachliche Fragen, die auch tatsächlich relevant sind. Es handelt sich dabei nicht um Umsatzzahlen im Tausenderbereich, die ich im Kopf ausbrüten soll. Ich kann sogar richtiggehend nachvollziehen, warum er wissen will, ob ich das weiss. Was ist eigentlich SEO? Kann ich ein bisschen HTML? Und wie steht’s mit meinem Französisch? Wie wäre meine Vorgehensweise bei einer Recherche? Das würde ich an seiner Stelle alles auch von mir wissen wollen! Ich antworte, so gut ich es halt kann. Manchmal hilft er mir hier und da ein bisschen auf die Sprünge. Also irgendwie läuft das hier gerade sehr gut.

Andererseits hatte ich dieses Gefühl schon einige Male. Aber wenn es letztendlich ein Nein wird, dann hat mir die Begegnung doch gut getan — denn sie ist Zeugnis dafür, dass man auch im Jahre 2015 noch richtig nette Bewerbungsgespräche führen kann. Gespräche, an denen der potentielle Arbeitgeber nicht nach fünf Minuten sagt:

“Ja, können Sie denn überhaupt etwas?”

(Wahre Geschichte, glücklicherweise nicht meine — aber leider die einer sehr guten Freundin).

Jetzt bin ich dran mit Fragen. Also möchte ich wissen, wie denn diese so oft zitierte ‘Work-Life-Balance’ konkret aussieht, von der die Stellenanzeige schwärmt. Was die normalen Arbeitszeiten so betragen, wie groß das Team ist, warum die Firma so heisst, wie sie heisst. Er nimmt sich ausgiebig Zeit für die Antworten. Dann neigt sich das Gespräch dem Ende zu. Wir sagen tschüss! Heute ist Freitag. Ich glaube ihm fast beinahe ganz, dass er sich auch tatsächlich am Dienstag melden wird, und nicht erst am Dienstag in drei Wochen.

Er meldet sich nicht am Dienstag.

Seine Antwort kommt bereits ein paar Stunden nach unserem Gespräch. Er habe das Gefühl, ich würde gut ins Team passen, meint er. Er würde mir darum gerne für die nächsten paar Monate ein Plätzchen anbieten. Ich lese die Nachricht an einer Hochzeit und lasse die Korken darum noch etwas heftiger knallen, denn ich kann mein Glück fast gar nicht fassen. Dass die Stellensucherei vorerst einmal ein Ende hat, ist offensichtlich Grund zum Feiern — was mich aber fast noch mehr begeistert ist, dass der Prozess diesmal schmerzfrei war. Was mir viele gesagt haben, kann ich nun zum Glück endlich ebenfalls bestätigen: Es ist einfach oftmals eine Frage der Zeit.

Berlin ist stur. Da muss man sich ans Herz fassen und sich selbst ebenfalls eiserne Sturheit schwören.

Sich nach jedem  Rückschlag und nach jedem selbstbemitleidenden Tränchen wieder mit neuem Trotz aufrappeln. Ein noch dickeres Fell anziehen — und wenn möglich ein sehr neonfarbenes, plüschiges, glitzerndes Fell. Also: Wenn ein normales Anschreiben nicht reicht, dann kriegt ihr eben ein ziemlich knalliges. Vielleicht müsst ihr dann lachen — aber wenigsten kuckt ihr es euch an. Irgendwelche seltsamen Leute da draussen werden bestimmt die selbe Art von seltsam sein wie ich es bin.  Und wenn’s dann endlich passt, dann passt’s. Dann können wir gemeinsam seltsam sein.

Am Montagmorgen ist der Vertrag bereits unterschrieben.

Jetzt bin ich mal gespannt, wie viele Miniröcke aus Flamingofedern mich da erwarten.

1 thought on ““Wir erhalten aktuell eine außerordentlich hohe Anzahl an Bewerbungen.””

A word with Frau Belli? Fire away!

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