Der Fluch der ewigen Molke

 

1 Am Anfang war der Hüttenkäse, und der Hüttenkäse war bei Frau Belli, und in allem war er Frau Belli gleich.

2 Ja von Anfang an war der Hüttenkäse bei Frau Belli.

3 Alles wurde durch den Hüttenkäse geschaffen, und ohne  Hüttenkäse ist nichts entstanden.

4 Zumindest kein geschmeidiger Paneer für mein Butter-Curry, und auch kein samtiger Ricotta, keine spritzige Molkenlimonade, kein äußerst seltsamer norwegischer Primost. Nicht einmal der luxuriöse Mascarpone.

— Vers 1-4, Bellesis 1

Hätte mir irgendjemand vor drei Jahren mitgeteilt, dass ich bald in Versuchung geraten würde, meinen ganz eigenen Käse herzustellen, hätte ich mich weggeschmissen. Erstens mal ist Käse machen uncool. Und zweitens. Es gibt kein zweitens.

Aber dann kam Berlin. Und Berlin machte mich uncool. Aber das ist okay, weil ich bin jetzt älter, und jetzt ist mir alles egal.

Das ging so. Man müsste meinen, als Appenzellerin würde man bereits von kleinauf gründlich über das ehrenwerte Handwerk der Käseherstellung aufgeklärt. Schließlich mussten wir auch auf unseren Schulausflügen tagelange die Alpen bekraxeln, Berghütten abklappern, oder zur Not gerne mal auf die Zähne beissen und ohne Schlitten — lediglich auf dem bejeansten Po — vereiste Nordhänge hinabrutschen, weil leider gerade keine Gondel mehr runter fährt. Es ist also nicht so, dass ich das Berg slash Alpenfeeling nicht zahlreiche Male hautnah für mich selbst erlebt habe. Und Käse ist ja nie weit von diesem Feeling entfernt.

Aber die Entstehung von Käse ist bislang größtenteils an mir vorbei gegangen. Schließlich gab es ihn ja — massenhaft. Ohne, dass ich auch nur einen Finger rühren musste. Alle nur erdenklichen Variationen von Appenzeller, Gruyère,  Emmentaler, Tilsiter. An Kleinigkeiten wie Hüttenkäse fehlte es erst recht nicht. Einmal die Woche gab es bei mir einen grünen Migros Budget Container randvoll gefüllt mit einem Dreiviertelkilo des weißen Goldes, bedruckt mit den fetten Lettern “Cottage Cheese”. Cremig, schwer, mild, mit ganz kleinen weichen Klößchen, friedlich suhlend in einem Meer von was ich rückblickend als Sahne interpretiere. Ich ahnte ja noch nicht, wie glücklich ich mich damals schätzen durfte.

Dann kamen endlose Edeka-, Lidl- und Kaisers-Regale beladen mit  verschiedensten Hüttenkäsevariationen, die ich über die letzten bald drei Jahre mit zunehmender Verzweiflung allesamt durchprobiert habe. Vergebens! Dem Hüttenkäse scheint es zu ergehen wie den eingelegten Gürkchen: Einige Länder mögen sie eher weich und süß, andere mögen sie lieber sauer und knackig. Darüber habe ich sogar mal einen Dokumentarfilm gesehen. (Ja, mit solchen Themen kann ich mich tatsächlich lange, lange beschäftigen).

Man ahnt nie, welche seltsamen Dinge man einmal vermissen wird, nachdem der große und permanente Schritt über eine Landesgrenze gewagt wurde.

Für mich sind es — wie man meiner Migros-Liste bestens entnehmen kann — die verehrte Zwiebelpaste sowie der glorreich cremige Migros-Hüttenkäse.

Deutscher Hüttenkäse ist anders. Continue reading “Der Fluch der ewigen Molke”

“Wir erhalten aktuell eine außerordentlich hohe Anzahl an Bewerbungen.”

Berliner Bewerberalltag, Teil II
(Hier geht’s zu Teil I)

“Runden? Es gibt keine weiteren Runden. Wenn’s passt, dann passt’s — und daran ändern auch weitere ‘Runden’ nichts.”

Vielleicht hat er ja meinen letzten, eher beissenden Beitrag über den Berliner Bewerberalltag im Jahre 2015 gelesen (“Jetzt machen wir ein Rollenspiel.”). Vielleicht ist er ja aber auch einfach nur ein ungewöhnlich menschlicher Mensch. Ziemlich sicher beides. Jedenfalls äuge ich mit einer kleinen Portion Skepsis das freundliche Gesicht, das mir bei 38° Celsius auf meinem Bildschirm entgegen flimmert. Ich sitze mit einem Glas Eiswasser und einem Eis-Rosenwasserspray in meinem Wohnzimmer und bin, gelinde gesagt, etwas erstaunt.

Was soll das heissen, keine weiteren Runden? Kein weiteres Auswahlverfahren? Auch keine zweiten und dritten Bewerbungsgespräche? Keine ‘Challenge’-Artikel, die ich mal spontan im Urlaub zum Thema ‘Golfhotels im Tirol’ schreiben und möglichst ‘zeitnah’ zurücksenden soll? Auch keine unbezahlten Probetage, die zur Krönung des Anlasses mit einer von mir selbst hastig zusammengestellten Powerpointpräsentation enden sollen? Und was ist mit den taschenrechnerlosen Rechenübungen? Ganz abgesehen davon habt ihr doch meine People Skills noch gar nicht mit ausgefallenen Rollenspielen getestet! Und last but not least konnte ich auch noch gar nicht mehrfach betonen, wie sehr ich Herausforderungen aller Art liebe, ja geradezu brauche.

Aber er bleibt dabei und sagt: “Keine weiteren Runden.” Besser noch: Er versteht gar nicht, wieso es überhaupt weitere Runden geben soll. “Ich hab am Montag noch ein weiteres Gespräch und meld mich dann am Dienstag,” hängt er an.

Oh wow. Also jetzt wirklich mit der absolut finalen Entscheidung?! Aber! Aber wir haben doch erst einmal geskyped. Der gute Herr hätte theoretisch im lachsrosafarbenen Minirock aus Flamingofedern vor dem Bildschirm sitzen können und ich hätte nichts von dem Spektakel mitgekriegt. Vielleicht ist ja die gesamte Firma hosenlos. Nicht, dass das grundsätzlich eine Rolle gespielt hätte — aber trotzdem. So wenig weiss ich konkret über den Arbeitsplatz! Ich weiss noch nicht mal, wo genau das Büro liegt und wie es aussieht. Wonach es da riecht, wie laut es ist, wer vegan isst oder die meisten Aquarell-Tattoos trägt. Findet da auch jeden Freitagnachmittag ein Team-Event statt? Machen wir zusammen Yoga, wie in der Firma meines Norwegers? Plötzlich realisiere ich, dass so richtig traditionelle Bewerbungsgespräche auch für den Bewerber ihre Vorteile haben. Aber eigentlich ist mir das völlig egal. Die unkomplizierte, direkte Art gefällt mir, und Flamingos finde ich toll. Wenn man denen keine Krebschen füttert, werden sie schneeweiss, das finde ich traurig. Ich mag sie pink, so wie Nilpferdmilch.

Jedenfalls, eigentlich bin ich von der Aussage geradezu entzückt und fühle mich das erste Mal seit langem wie ein… ein Mensch. So ein richtiger Mensch, der sich wie ein Mensch bewirbt, und mit dem man dann wie ein Mensch redet. Nicht wie ein unzugelassenes und potentiell schädliches Medikament, das erstmal mit Wegwerfhandschuhen auf alle Risiken und Nebenwirkungen geprüft wird.

Dabei wäre diesmal nun von Seiten der Arbeitgeber tatsächlich etwas Vorsicht angebracht gewesen, denn meine letzte Serie an Bewerbungen bewegte sich meiner persönlichen Meinung nach optisch und inhaltlich fast schon grenzwertig auf dem grellsten und gewagtesten Niveau überhaupt. Continue reading ““Wir erhalten aktuell eine außerordentlich hohe Anzahl an Bewerbungen.””