“Jetzt machen wir ein Rollenspiel”: Berliner Bewerberalltag im Jahre 2015

“Als erstes machen wir ein paar Rechenübungen.” Die Löckchen umrahmen fröhlich ihr überbreites Lächeln. Sie lächelt. Und lächelt. Und lächelt. Beinahe manisch. Und ich? Mein Lächeln? Schwindet. Aber zackig! Mein Herz sackt. Mein Atem stockt.

Rechenübungen?

Und ich dachte, das ist ein Bewerbungs-gespräch. Natürlich muss ich wohl oder übel zurück lächeln, denn ich will ja leider etwas von ihr. Den Job. Also eigentlich ja nur ein dreimonatiges Praktikum. Und das ganz ehrlich aus purer Freude an der Freude. Bis jetzt.

Eben noch sass ich da, gegenüber einer sympathischen Dame, die jetzt sozusagen alles über mich weiss. Sie hatte meinen gesamten Lebenslauf vor sich und alle meine Zeugnisse. Meine dreijährige Berufserfahrung als Englisch-Lehrerin. Meine darauffolgende zweijährige Anstellung in einem Museum als Assistenz der Leitung. Davor habe ich hauptsächlich Kaffee gemacht oder in massgeschneiderten Uniformen die Vorzüge von Kapselkaffeemaschinen in künstlich beleuchteten Supermärkten besungen. Auch das ist da! Schön gesammelt in einer Mappe. Nebenbei habe ich zwei Abschlüsse absolviert; den Bachelor in Englischer Literaturwissenschaft und Militärgeschichte (fragt nicht), weil es das war, was ich wollte und worin ich gut war. Den Master, weil man mit einem Englisch-Bachelor in der heutigen Welt zwischen Stuhl und Bank fällt und überhaupt gar nichts damit anfangen kann. Wieso es den Bachelor überhaupt gibt, wenn dafür ja gar keine Berufsoptionen bestehen, ist mir ein Rätsel.

Jedenfalls sass ich da, vor dieser Dame, und es war alles in Ordnung. Eine vertraute Situation. Ein gut laufendes Bewerbungsgespräch. Ha! Ich fühlte mich wohl! Sie war nett. Interessiert. Wir hatten sogar eine kleine, persönliche Diskussion über den Leistungsdruck in unserer Gesellschaft. Es ging um optimale Zeitnutzung zu jeder Minute um jeden Preis. Ich fand sie toll.

Und das Praktikum? Eigentlich suche ich ja nach einer Vollzeitstelle als redaktionelles Mitglied in einem Magazin, online, offline, slackline, das spielt keine Rolle. Ich kann auch unterrichten und wissenschaftlich recherchieren oder übersetzen. Aber als ich damals im Januar über die Anzeige (“Rezeptentwicklung”) stolperte, hörte sich das so spannend und toll an, dass ich dachte: Mach mal was zum Spass! Sind ja nur drei Monate. Essen und Rezepte entwickeln. Was will man mehr?

Oh oh oh. Naive Frau Belli.

Es stellt sich nämlich heraus, dass man in Berlin zur Zeit gerade sehr viel mehr will. Rechnen, zum Beispiel.

Denn nachdem mich die gute Frau im Gespräch durchleuchtet hatte, stand sie auf und sagte: “Ich stelle Sie nun meiner Kollegin vor, die mit Ihnen ein paar Aufgaben lösen wird.” Selbst verliess sie den Raum. Und ich sass da und wartete. Leicht panisch.

Aufgaben? Was für welche Aufgaben könnten das denn sein?

Bestimmt muss ich ein Pseudo-Rezept entwickeln. Oder sagen, welches Kräutchen zu Erdbeeren passen könnte. Nein, ich habs! Sicher muss ich einen realistischen  Rezeptplan für Dezember erstellen! Wie damals, als ich mich für eine sehr tolle redaktionelle Stelle an einem “Probearbeitstag” wiederfand — der letzten Hürde vor dem endgültigen Unterschreiben des Vertrags, wurde mir zugezwinkert. Ja, damals sass ich an einem wildfremden Computer in einem mir wildfremden Büro und musste einen gesamten Redaktionsplan für April aufstellen für eine Zeitschrift, bei der ich nicht arbeitete. Noch nicht. Welche Artikel könnten wo in welcher Kategorie geschrieben werden und was würdest du da ungefähr sagen, und warum? Wenigstens einen Artikel sollst du komplett schreiben — mit Titel, Hashtags und Quellenangaben. Hier hast du sechs Stunden Zeit. Viel Spass! Die Ergebnisse dann bitte am Ende in einer Power Point Präsentation präsentieren. Vergiss nicht: für diese Stelle haben sich hunderte von Leuten beworben. Aber mach dir keinen Stress!

Ehm. Kein Problem. Ich habe Fieber, und ich muss alle fünf Minuten die Nase putzen, aber klar doch. Ich mach dann mal schnell den Redaktionsplan für euch. April heisst Ostern, also dann… sicher etwas mit Ostern. Oh! Oh ja genau. Erster April! Witze! Aber gute. Das muss auch rein. Ausserdem? Aprilwetter. Und dann, dann muss ich googeln.

Nun denn, sicherlich wird es diesmal ein Rezeptplan sein. Mit Gemüse und Obst, das gerade in Saison ist oder so. Pha, ein Kinderspiel! Ich entspanne mich.

Und so kommt es, dass ich nun dem krausen Manischlächler gegenübersitze. Und sie fragt mich nicht nach Erdbeeren (am besten mit Basilikum!! Minze!! Pfeffer!!). Leider nein. Nachdem sie sich LÄCHELND vorgestellt hat, schiebt sie mir LÄCHELND ein weisses Blatt und einen Stift zu und grinst LÄCHELND:

“Als erstes machen wir ein paar Rechenübungen.”

Okay ——– Okayokayokay. Atme, Frau Belli. Atme tief. Das hab ich jetzt nicht erwartet. Sind Sie sicher, dass Sie die richtige Kandidatin für die richtige Position befragen? Ich habe mich für Rezeptentwicklung beworben. Rezeptentwicklung, ja? Hier? Richtig? Die Frage verkneife ich mir. Man macht ja alles. LÄCHELND.

“Ich hätte gerne, dass Sie unseren Umsatz berechnen.” Sie lächelt. Ich lächle.
“Ihren Umsatz?”
“Genau, unseren Umsatz.” Ihr Lächeln wird, wenn überhaupt möglich, noch breiter. “Und zwar gebe ich Ihnen die Zahl zwanzig. Sagen wir mal, wir haben zwanzig Kunden pro Stunde.”
Ich sitze da. Etwas verwirrt. Äh. Ja und? Was soll ich jetzt mit zwanzig Kunden pro Stunde?
“Und davon soll ich jetzt Ihren Umsatz berechnen?”
“Genau.” Sie nickt und strahlt. Völlig happy. Aber irgendwie zu extrem. Sie blinzelt nicht. Lebt sie? “Genau. Zwanzig ist die Zahl, die ich Ihnen dazu gebe.”

Ich versuche, meine innerliche Rage zu unterdrücken. Was soll denn das jetzt? Ich meine, ich habe ja schon einiges für Stellen hier in Berlin gemacht. Einen Tag kostenlos einen Redaktionsplan erstellt, zum Beispiel. Davon kann ich ja nicht aufhören, zu erzählen. Aber jetzt soll ich den Umsatz einer Firma berechnen, für die ich nicht arbeite? Wie das denn? Ich sitze ja nicht im Management, sondern im Bewerberstuhl — für ein PRAKTIKUM. Für welches ich Gemüse rüsten und Sahne schlagen muss.

Nun gut. Hier sind die Fakten: Ich will das Praktikum. Noch. Also frage ich, ziemlich erschüttert: “Eh, darf ich… Fragen stellen? Oder wie stellen Sie sich das vor?” Ich komme mir vor, als wäre ich in einer Zeitmaschine zurück in die erste Klasse gebeamt worden.
“Genau, ja.” Sie nickt lächelnd. Ich bemerke ein Doppelkinn, und meine Wutgefühle fokussieren sich darauf. Schau nicht hin. Nicht hinschauen. Ich kann nicht anders.
“Was sind Ihre Öffnungszeiten noch mal?” frage ich.
“Elf bis einundzwanzig Uhr.”
“Und Sie haben zwanzig Kunden pro Stunde. Dann müsste ich jetzt noch wissen, wie viel Sie etwa pro Kunde verkaufen.”
“Genau.”

Stille.

Ich sage es noch einmal: Ich bin nicht in Ihrer Geschäftsleitung! Ich weiss nicht, wieviel Sie pro Kunde verkaufen! Die Information liegt jetzt hier nicht gerade so offen vor mir. Aber von sich aus kommt mir der Manischlächler nicht entgegen.

“Wieviel verkaufen Sie denn pro Kunde?”
“Genau. Ja, raten Sie mal?”
Auch das noch! Wie soll ich das denn wissen? Ich murmle ein paar absolut aus der Luft gegriffene Berechnungen vor mich hin und komme auf ungefähr, falls ich durch irgendeine Fügung des Universums per Zufall richtig geschätzt habe, fünfzehn Euro.
“Genau. Zwölf, ungefähr,” korrigiert sie mich. Glück gehabt.

Jetzt habe ich drei Zahlen. Zwölf Euro mal zwanzig Kunden mal zehn Stunden pro Tag. So hätte ich den Tagesumsatz.

“Genau. Schreiben Sie’s auf!” fordert sie mich. Ich traue meinen Ohren nicht. Entschuldigung wie bitte? Ich bin bald siebenundzwanzig Jahre alt. Haben Sie mich gerade wie meine Primarschullehrerin aufgefordert, Zahlen aufzuschreiben?

Aber sie will mehr als das. Der Tagesumsatz reicht ihr nicht. Sie will den monatlichen. Also. Achtung! Alles nicht mal dreissig oder einunddreissig. Der Laden ist ja sechs Tage die Woche geöffnet, also mal vier, das macht vierundzwanzig. Alles mal vierundzwanzig. Ich starre auf das weisse Papier, auf dem ich nervös meine bislang drei Zahlen aufgeschrieben habe. Dazu kommt jetzt eine vierte. Meine Hände zittern. Ich fühle mich klein. Nach zwei Abschlüssen und acht, neun Jahren verantwortungsvoller Berufserfahrung fühle ich mich sehr, sehr klein. Mein Gehirn fühlt sich leer an. Plötzlich zweifle ich daran, ob ich überhaupt etwas kann. Geschweigedenn Rechnen. Der Blutfluss zu meinem Logikzentrum, welches ja normalerweise schon nicht auf Hochtouren läuft, ist nun aufgrund meiner Blamierungsangst komplett abgeschnitten.

“Ohne Taschenrechner?” frage ich. Ich kann fast nicht glauben, was gerade abläuft.
“Genau.” Wenn sie ‘genau’ sagt, tut sie dies in einem beruhigenden Tonfall, der von oben nach unten verläuft. Es macht mich rasend.

Ich tue, was sie sagt. Schliesslich habe ich nicht wirklich eine Wahl. Ich kam zu einem Vorstellungsgespräch für ein Praktikum, und noch bin ich daran interessiert. Auch wenn die “Aufgaben” unvorgewarnt kamen. Ich habe im Berliner Bewerbungssumpf für begehrte Stellen gelernt, alles mögliche zu erwarten. Wie gesagt: Kostenfreie Redaktionspläne. Aber auch spontane “Challenge”-Artikel, die ich notfallmässig im Urlaub verfassen muss — wenn ich die Stelle wirklich will. Ansonsten gibt es genügend andere, die den Challenge erfolgreich mastern. Nicht zu vergessen: Antworten auf Bewerbungen, die vor FÜNF Monaten geschrieben wurden (zum Beispiel für Rezeptentwicklungspraktika. Räusper.). Verträge, die eigentlich schon gedruckt sind, und dann gibt es die Stelle plötzlich nicht mehr (Redaktionspläne. Räusper.).

Ich rechne und rechne.
“Ich fühle mich ausgestellt,” höre ich mich in einem Anflug von ehrlicher Verletzlichkeit sagen. Noch selten habe ich mich so beobachtet gefühlt.
Sie kichert. “Das macht nichts.”
Ach so. Ja dann. Jetzt geht es mir gleich viel besser.

Letztendlich komme ich auf viele, viele tausend Euro.
“Genau.” Sie lächelt. Ich atme auf. Oh mein Gott. Ich habe schon seit Jahrhunderten nicht mehr auf Papier multipliziert! Scheinbar kann ich es noch! Ich hatte ja keine Ahnung. Bin fast ein bisschen stolz. Ausser, dass ich auch ein bisschen schockiert bin. Was läuft hier eigentlich? Wozu will die das denn haben?

Dann, der Horrorgedanke: Hoffentlich möchte sie jetzt nicht, dass ich etwas im Tausenderbereich dividiere. Das kann ich nämlich nicht mehr. Wann genau ich aber im Verlaufe meines Rezeptentwicklungspraktikums überhaupt mit Firmenumsätzen ohne Taschenrechner hantieren würde, ist mir ein komplettes Rätsel. Aber auch das frage ich nicht, denn man will ja nicht unhöflich sein. Man will ja einfach toll sein. Locker und intelligent und flexibel und auf alles vorbereitet. Mit einem Lächeln. Und so.

Zu meinem Entsetzen hörte es da aber nicht auf.

Die “Aufgaben” waren also noch nicht fertig. Wenigstens nannte sie es nicht “challenges”. Das erzeugt in mir immer sofort eine Art Ohrenkrebs. Ich finde nämlich, nur weil man heute im Spirit der explodierenden Start-Up-Kultur gerne freudig “challenge” statt “Test” sagt, wird das Erlebnis nicht auf einmal zum supertollen Spasserlebnis für den Bewerber. Test bleibt Test. Das Gefühl dabei? Bleibt ziemlich… scheisse. Nervös, hoffnungsvoll, verletzlich. Nur muss man jetzt dabei auch noch lächeln. Denn es ist jetzt kein Test mehr — es ist eine Herausforderung. Und wir flexiblen, tollen, jungen, arbeitsfreudigen Menschen mögen Herausforderungen.

Wo sehen Sie sich in 10 Jahren? Definitiv in einer herausfordernden Position, die mich jeden Tag wieder aufs neue herausfordert.

Ich musste dann die Waren des Ladens selbstständig in verschiedene Warengruppen unterteilen (“Schreiben Sie’s auf!”) und auch da den Umsatzanteil schätzen. Zum dritten Mal: Fragen Sie Ihre Geschäftsleitung, wenn Sie diese Art von Information derart brennend interessiert. Was ich kann? Brot backen! Zum Beispiel Butterzopf. Und ich mache eine sensationelle Zucchini-Speck-Quiche mit Spiraloptik. Ich zaubere ganz hingerissen Birnen-Smoothies und Rote Beete Walnuss Pesto. Mein Norweger liebt mein Zitronen-Mascarpone-Eis. Und fragen Sie mich, was Sie im Oktober verkaufen sollen! Fragen Sie mich! Wir könnten zum Beispiel Kürbis-Pommes machen. Das hatten Sie noch nicht im Sortiment. Ich weiss das, weil ich bis vor einer halben Stunde noch ein grosser Fan Ihres Konzepts war. Grosser Fan! Begeistert! Hab allen von Ihnen erzählt. Hab ständig bei Ihnen eingekauft. Ich beginne, dafür die Vergangenheitszeitform zu benutzen. Grammatik, das kann ich auch.

Aber sie fragt mich leider nicht, was wir im November als Nachspeise anbieten könnten. Nein. Als letzte und wohl haarsträubendste Aufgabe machen wir

Rollenspiele.

In beiden Szenarien war sie am anderen unsichtbaren Telefon, nur dass ich sie in Realität weiterhin vor mir grinsen sehen konnte. Im ersten Gespräch musste ich den Papaya-Liferanten darüber informieren, dass er uns die falsche Papaya geliefert hatte, bzw. wir die falschen Papayas bestellt hatten. Im zweiten Gespräch musste ich den Koch, mit dem ich hypothetisch zusammenarbeite, in die Schranken weisen und ihm sagen, dass er nach seinem Bratgemetzel bitte selbstständig seine Pfannen abwaschen solle. (“Ich will aber mehr Lohn, wenn ich meine Pfannen auch noch waschen soll.” “Das klären Sie bitte, EINMAL MEHR, mit der GESCHÄFTSLEITUNG. Ich bin Praktikantin. Über Ihre Anstellungsverhältnisse habe ich nicht zu entscheiden.”)

Sie fand meine People Skills sehr gut. Ich fand ihre People Skills sehr schlecht.

Ja, ich fand und finde es geradezu bedenklich, dass ein normales Gespräch anscheinend nicht mehr ausreicht, um meine “People Skills” und sonstige Qualifikationen einzuschätzen. Bewerber darüber hinaus ungefragt auf unrealistische Situationen hin zu testen, die offensichtlich äusserst wenig mit der späteren Tätigkeit zu tun haben, ist problematisch auf mehreren Ebenen. Was sagt das eigentlich alles über Sie aus? Will ich für jemanden wie Sie überhaupt arbeiten?

Sie sitzen mir gegenüber. Immerlächelnd, auf richtiggehend unheimliche Weise! Was sagt das über Ihre People Skills aus? Und Sie sehen, wie ich mich verhalte. Sie sehen, dass ich augenscheinlich keine verhaltensgestörte Person bin. Meine Haare sind gekämmt — abgesehen von dem einen, klitzekleinen unfreiwilligen Rastazipfel, der sich heimlich an meinem Hiterkopf versteckt, weil er sich jeden Tag aufs Neue bildet (ich bekämpfe ihn seit meiner Kindheit). Ich trage keine Plastiktüte gefüllt mit Plastiktüten. Ich piekse Sie nicht und flüstere Ihnen dann zu, ich sei unsichtbar.

Sie sehen, dass ich Ihnen überlegte Antworten gebe, mich freundlich und respektvoll verhalte (mehr als Sie dies tun). Dass ich mich ins Zeug lege und Begeisterung für Ihre Stelle zeige. Ein Bewerbungsgespräch ist doch bereits eine Stresssituation. Besonders in Berlin! Zählt das denn gar nichts mehr? Gibt Ihnen das denn überhaupt kein Bild meines EQs? Und haben Sie sich eigentlich die Zeit genommen, meinen mühevoll zusammengestellten Lebenslauf, meine Zeugnisse, mein Portfolio  auch nur einmal etwas zu studieren? Hatten Sie danach wirklich das Gefühl, ich kann mit einem Masterabschluss nicht rechnen? Kennen Sie meinen Namen?

Für mich ist der Fall klar: Hier geht es eigentlich nicht um meine Rechenfähigkeiten, denn diese sind a) für die ausgeschriebene Stelle nicht in diesem Rahmen relevant und b) würde ich in einer realistischen Situation Zugriff auf einen Taschenrechner haben. Dies macht klar, dass der Stellenausschreibende es für nötig hält, meine Stresstoleranz über den Rahmen einer Bewerbungssituation hinaus zu ertesten, indem er mich ungefragt direkt nach seiner Begrüssung auffordert, ohne Taschenrechner Zahlen im Tausenderbereich auszubrüten. Unter den wachsamen Augen eines Fremden. Was muss ich eigentlich in diesem Praktikum genau können? Blutfrei Krokodile entzahnen? Vor den Augen der Queen?

Ich gebe es zu, ich bin frustriert. Und ein bisschen entrüstet! Die Tirade tut mir ja auch leid. Ich hätte gerne weiterhin humorvoll über Berliner Hitzewellen oder Spargeleis berichtet. Grummelig sein macht keinen Spass. Ausserdem hege ich die starke Vermutung, dass ich meinen Blog von nun an nie wieder als Bewerbungsmaterial angeben kann. So soll es sein.

Denn ich finde, es geht langsam etwas zu weit. Um es etwas böse zu formulieren: Es kommt mir beinahe so vor, als hätte in Berlin gerade eine ganze Generation rachesüchtiger “Human Resources”-Absolventen den Markt infiltriert. Und jetzt, jetzt sind sie endlich frei. Frei zu tun und zu lassen was sie wollen. Zu testen wen und was sie wollen. Es muss gar nichts mit der eigentlichen Tätigkeit zu tun haben! Und sie sind überall!

Und das macht Angst. Wie soll ich all die zukünftigen Challenges und Rollenspiele und unerwartete Umsatzberechnungen mit einem eingefrorenen und doch authentisch wirkenden Lächeln überstehen? Bewerbungsgespräche sind heute, zumindest hier, Schnee von gestern. Das ist nur noch ein Bruchteil des eigentlichen Prozesses. Davor gibt es bereits ein oftmals ungefragtes halbstündiges Telefonat (“Äh, ich koche gerade?”). Und davor einen online-Bewerberpool, und dieser ist endlos. Berlin ist jung und talentiert und international und qualifiziert und auf alle Fälle super gut drauf, unabhängig davon, ob wir den Mindestlohn kriegen oder nicht. Achthundert Euro im Monat, fünfzig Stunden die Woche, und dann jeden Freitagabend noch ein Team-Dinner? Aber gerne doch!

Wie soll man da den besten dieser jungen, talentierten, internationalen, qualifizierten, gut gelaunten Menschen finden? Da muss gefiltert werden — verständlicherweise. Das ist mir ja auch klar. Anders geht das ja gar nicht. Ich will Arbeitgeber ja auch gar nicht bis aufs Letzte verteufeln. Man muss sich tatsächlich irgendwie durch den Sumpf der Bewerberflut kämpfen.

Aber: Zu welchem Preis? Wie weit können Firmen gehen? Was ist in Ordnung, was ist grenzwertig? Wie gläsern, wie flexibel, wie endlos bereitwillig zu allen auch noch so sinnlosen Aufgaben müssen Stellensuchende sein?

Zur Zeit gibt es darauf nur eine Antwort: Endlos. Entweder du willst die Stelle, oder nicht. Wenn nicht: “Der Nächste bitte!”

Bei einem seiner Bewerbungsgespräche wurde mein Norweger gefragt, welche Drogen er am liebsten konsumiere. Was er so tue, um das Gesetz zu brechen. So etwas ist mir zum Glück noch nicht passiert, aber ich bereite mich auch darauf mental vor. Er hätte die Stelle übrigens gekriegt. Er hat sie abgelehnt.

Ich hatte mit der Rezeptsache längst abgeschlossen und mir das mit dem Praktikum spätestens nach den Rollenspielen anders überlegt. Die Freude an der Vorstellung, für dieses Unternehmen auch nur einen Finger zu krümmen, war verblasst. Traumjob hin oder her — lieber arbeite ich in einem Team, in dem ich mit ungekünstelter Freundlichkeit und etwas Würde behandelt werde, und nicht mit durchleuchtender Härte. Bislang war das eigentlich immer der Fall. Warum geht das plötzlich nicht mehr?

Mit einem Monat Verspätung habe ich übrigens vom Manischlächler den Entscheid gekriegt:

“Wir konnten hier einen sehr positiven Eindruck gewinnen,” steht  in der Email, “und bedauern sehr uns letztendlich doch für einen anderen Bewerber entschieden zu haben. Wir hoffen sehr, dass Ihre Begeisterung für unser Unternehmen weiterhin anhält.”

Das Schreiben kam überraschend, aber hat mich nicht weiter gekratzt. Im Gegensatz zum Absender konnte ich nämlich keinen guten Eindruck gewinnen. Und die Begeisterung für das Unternehmen hat sich, zu meinem eigenen Leidwesen, bis auf Weiteres in Luft aufgelöst. Da einkaufen war ich seit dem Gespräch jedenfalls nicht mehr.

Die Kürbis-Pommes mache ich im Herbst jetzt halt einfach selbst. Vielleicht mit etwas Salbeibutter. Das Rezept? Verrat ich Ihnen nicht.

3 thoughts on ““Jetzt machen wir ein Rollenspiel”: Berliner Bewerberalltag im Jahre 2015”

  1. OMG! Das liest sich ja furchtbar! Hatte selbst auch schon stresstests – und nie bestanden (zum glück!). Ja, es ist nicht so einfach sein Selbstbewusstsein in und nach solchen Gesprächen aufrecht zu erhalten. Die beiden Damen in deinem Fall hatten aber auch Langeweile – für ein Praktikum solch einen affentanz?!? Sagt viel über die firma und vor allem die beiden leute aus! Lg & nicht aufgeben

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    1. :) Hallo! Wahnsinn, offizielle Stresstests etwa? Tja, so scheint es heute einfach zu sein. Glücklicherweise berichtet dieser Beitrag von einem vorläufigen Happy End, es geht also doch. Danke jedenfalls für’s Lesen und bis hoffentlich bald wieder :) Bin schon gespannt, was aus deinem Blog werden wird!

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A word with Frau Belli? Fire away!

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