Unser Leben als Berliner Sommer-Vampire

sunbrella

Bevor ich mich dem Hauptthema widme, muss ich folgendes loswerden: Ich bin am Boden zerstört. Schon wieder! Wie letzten Oktober, als ich erfahren hatte, dass im Monat zuvor das alljährliche Berliner Dackelrennen stattgefunden hatte — ohne mich! Unter heissen Trauertränen hatte ich damals einen feurigen Beitrag verfasst, der von meinen Leiden berichtete. Voller Hoffnung und Zuversicht hatte ich mir den Termin für das Rennen 2015 in allen meinen verschiedenen Kalendern eingetragen, komplett mit Mehrfachalarm. Und jetzt?

Jetzt schickt mir mein Vater ein Screenshot der Dackelrennenwebseite. Das heisst, die Nachricht kam vor einem Monat, aber ich bin immer noch nicht über den Schock hinweg gekommen. “Das Dackelrennen 2015 findet nicht statt”, steht da. Und dann, ohne weitere Erklärung: “Wir freuen uns aber auf das Jahr 2016, wo das Dackelrennen wieder stattfindet.”

Erstmal Sprachlosigkeit.

Und dann!

Wir freuen uns?

Wie bitte?

Wir freuen uns ganz und gar nicht. Wir sind wutentbrannt. Wir hatten nämlich bereits meine Eltern nach Berlin geladen, speziell für diesen Event! Das Spargelfest habe ich ja zwecks Familienfete AUCH verpasst, obwohl dies mein Spargeleis-Abenteuer sicherlich wettmachte. Aber trotzdem! Wenn das so weitergeht, dann werde ich im Herbst wohl auch das Kürbisfest nicht mitkriegen. Vermutlich fällt die Ernte aus. Damit wären dann alle meine drei absoluten Jahreshighlights, die ich mir im Januar im Zuge meiner kühnen Partyvorsätze vorgenommen hatte, vom Tisch.

So dümpelt der Berliner Sommer also spargel-, kürbis-, und dackellos vor sich hin. Womit ich zum eigentlichen Punkt komme: Dieses Wochenende brühten 38 Grad im Schatten, was durchaus geniessbar sein kann — wenn man vom klimatisierten Auto direkt in den Bodensee hüpft, oder sich nach der Arbeit mal kurz in der Limmat suhlt. Aber Sommer in Berlin, das wird mir immer mehr klar, ist kein Kinderspiel. Von Jahr zu Jahr wird es offensichtlicher: Es ist ein Überlebenskampf! Auf ganz vielen Ebenen.

Es folgt ein ausführlicher Krisenbericht.

Als Erstes: Der Fensterkrieg. Wie jeder weiss, bleiben die Fenster geschlossen und die Vorhänge gezogen, um den Kern des Gemachs dunkel und kühl zu halten — es sei denn man haust in einem Gebäude, in dem die übrigen Bewohner die Grundsätze der Wohnungskühlung nicht verstehen und sich von sperrangelweit geöffneten Flurfenstern eine wundersame Winterbrise erhoffen. Dies scheint der Fall zu sein mit mindestens einem unserer Nachbarn, der zwar über einen Doktortitel verfügt, nicht aber über das ABC der grundsätzlichen Überlebenssicherung im Zuge einer städtischen Hitzewelle.

In anderen Worten, direkt an unserer Wohnungstür endet die Kühlzone. Einen Schritt weiter begegnet man einer fast schon anfassbaren Wand aus aufgestauter Sommerbetonluft. Und diese presst sich allmählich durch den kleinen Lichtschlitz an unserer Schwelle. Eine Frechheit! So kommt es, dass wir uns abwechslungsweise einem stillen, passiv-aggressiven Kampf widmen. Das Fenster wird vom Nachbarn geöffnet und dann, huch, wie durch Geisterhand gleich wieder geschlossen. Und so geht das das ganze Wochenende. Weil wir nämlich tagsüber zuhause bleiben und den Schutz unserer vier Wände erst verlassen, wenn sich die freundliche Nacht über die flimmernden Dächer gelegt hat. So gegen Mitternacht.

Dann, in der Dunkelheit, kriecht ganz Berlin aus den Häusern und wälzt sich durch die aufgehitzte Nacht mit einem Bier in der Hand und Dankbarkeit im schweissigen Gesicht. Wir treffen Freunde zu abendlichen Parkpicknicks und stöhnen gemeinsam über unsere Erfahrungen als Überlebende. Dabei ist jedes Thema akzeptiert, denn es geht um Inklusion und gemeinsame Trauma-Bewältigung. Ich habe mich also dabei erwischt, wie ich ehemaligen Mitstudenten lang und breit von norwegischen Wasserflaschenformen vorgeschwärmt habe. Etwas langweiligeres ist wohl kaum vorstellbar, aber die Visualisierung von Wasser in jeglicher Form (und bei der Marke “Isklar” sogar in Kristallform!) tat einfach gut. Und alle schienen interessiert! Es ist ein gemeinsamer Prozess.

Und sonst, was habt ihr so gemacht? Nichts. Sind zuhause geblieben. Türe abgedichtet. Dunkelheit. Stille. Eiswürfel.

Dies aus gutem Grunde. Die U-Bahn ist ja bei diesen Temperaturen nicht mehr betretbar. Fahrradfahren ist nur eine halbe Alternative, denn jegliche Bewegung, die über das Öffnen einer geeisten Wasserflasche hinaus geht, ist für einen normalen Menschen kaum vorstellbar. Die Stadt heizt sich auf — wo man hinschaut nur hitzesummender Asphalt und Betonwände, auf denen man Spiegeleier braten könnte. Wir haben uns kurz überlegt, dies sogar auszuprobieren. Wenn sich Brandenburg bereits abkühlt, staut sich die Wärme noch immer in der Stadt. So ist das. Wer es nicht glaubt, darf gerne zu Besuch kommen.

Hier ist aber das Problem: Da ich ja — ebenfalls dank Berlin — mit einem extremen Vitamin-D-Mangel diagnostiziert worden bin, sollte ich so viel Sonne wie möglich aufsaugen (der Kommentar der Ärztin war übrigens ein gelangweiltes Schulterzucken mit der Aussage, dass das ja hier jeder habe, und ich selber entscheiden solle, ob ich was dagegen tun wolle oder nicht. Vielen Dank für die kompetente Beratung. Mehr dazu in diesem Beitrag.). Jedenfalls, um meine medizinische Verantwortung wahrzunehmen, haben wir deswegen am Samstag sogar versucht, einen Weisswein im nahen Schatten der Gottlob-Sommerlaube zu schlürfen. Schatten ist ja immer noch besser als die Dunkelheit der Wohnung, Vitamin-D-technisch gesehen. Das Ganze endete allerdings damit, dass wir verfrüht zahlen und gehen mussten, weil die Temperatur nur im Klobereich erträglich war. Wahre Geschichte.

Und ich habe meine Quellen: Diejenigen, die es tatsächlich an einen der Seen geschafft hatten, mussten sich verzweifelt einen Platz am Strand erkämpfen und konnten das müffelnde Warmwasser nur von Weitem betrachten. Am Sonntagmittag waren die Schlangen vor den Badeanstalten endlos. “Do not move!” So kamen die Nachrichten und Beweisbilder hereingepurzelt. Und wie ich noch von letztem Sommer weiss, fliegen die Fäuste auch schon mal, wenn es darum geht, wer als letztes noch rein darf. Entspannt ä bizli bädälä? Vergiss es. Wie zu Silvester ist die Regel auch für Berliner Hitzewellen: der beste Ort in Berlin, diese zu geniessen, ist ausserhalb von Berlin.

Da dies jedoch zur Zeit gerade keine Option darstellte, verweilten wir geduldig auf der Couch. Man gewöhnt sich an die Vorstellung. Nach ein paar Berliner Hitzewellen akzeptiert man sein Schicksal. Wir hatten ja den Wetterbericht; in zwei Tagen würde der ganze Spuk vorbei sein. Wie sonnenscheue Vampire widmeten wir uns also hauptsächlich zwanghaft der Tätigkeit, die Vorhänge auch wirklich lichtdicht anzurichten, das Kühlschrankthermometer zu überprüfen, und demonstrativ das Flurfenster zu schliessen. Wir machten Eis und gefrorenen Kaffee in Würfelformat. Wir füllten die Badewanne mit kaltem Wasser, in der Hoffnung, dass alle Wärme da rein gehen würde — und wir dann einfach den Stöpsel ziehen konnten. Intelligenz!

Ausserdem arbeitet der Norweger glücklichwerweise in einem Team mit einem Inder, und der hat so manche Hitzetricks auf Lager.

Zum Beispiel!

Habe immer einen privaten Wasserspray auf Lager, um die Luft mit einem feinen Dunstregen zu berieseln, der dann göttlich auf dich und die Couch herabsinkt. Die Wirkung ist nicht zu unterschätzen, und ich habe bereits mehrere Freunde davon überzeugen können.  Ausserdem! Besprühe damit auch leicht die Wände (der Kollege kühlt übrigens auch seinen Laptop mit einem nassen Badetuch). Ausserdem! Trage nasse Kleidung. Und: Habe gute Bücher. Der Tipp stammt von mir. Laptops sind einfach zu warm im Zuge einer Hitzewelle.

Und wer jetzt meint, ich übertreibe: Sogar meine katalanische Freundin, die uns sonst gerne über ihr durch und durch südliches und hitzebeständiges Wesen unterrichtet, meinte, sie hätte so etwas erst ein einziges Mal erlebt. In Indien. Sie lag später seufzend auf meiner Couch, liess sich von meinem Wasserspray berieseln und weigerte sich, abgesehen von Wasser irgendetwas zu sich zu nehmen. Sogar die gekühlte Melone war zu viel des Guten.

Aber das Ganze ist natürlich trotzdem nur halb so schlimm, wie es klingt. Einerseits dauern Hitzewellen ja jeweils nur ein paar Tage. Besorgte Familienmitglieder, die mir dieses Wochenende per SMS nahelegten, dass mir ein bisschen Sonne doch gut täte (vielen Dank für den Tipp), dürfen beruhigt sein. Die Vorstellung, an einem schönen See zu verweilen ist nach wie vor auch für mich unschlagbar — ich habe mich also nicht durch und durch in ein nachtaktives Nagetier verwandelt. Und ein bisschen Wärme ist ja auch wunderbar. Sobald sich das ganze auf 30 Grad abekühlt hat, kann man ja auch wieder normal leben.

Heute ist das so. Der Beton-Jungle hat sich dank einem nächtlichen Gewitter auf lebensbejahende Temperaturen gesenkt. Um ganze 10 Grad!

Das heisst mit anderen Worten, ich kann endlich mein Paket auf der Post abholen, in dem sich der langersehnte Nachschub meiner heissgeliebten Vollmond-Bier-Pflegespülung befindet (tanke Ömeli!!)! Ich kann sorglos, ja gar freudevoll das Fenster öffnen, obwohl es mein Nachbar aufgrund seiner Logik wahrscheinlich sofort wieder schliesst. Ich kann sogar einen Spaziergang machen, ohne auf der Stelle spurlos zu verdunsten.

Und wenn es heute sonnig wäre, liebe Mama, dann würde ich auch sonnentanken gehen. Und bevor du fragst, ja, ich würde natürlich auch Sonnencreme tragen.

Ist es aber nicht. Heute ist bewölkt und 27 Grad kühl. Ich fröstele ein bisschen (keine Sorge, Mama, die Wollsocken liegen für den Fall einer Erkältung bereit).

Der Spuk ist vorbei. Und somit ist alles beim Alten. Der gute Berliner Sommer ist zurück. Erstaunlich grün und wahnsinnig schön und mit viel Luft und Helligkeit und Biergärten. Alles in allem, eigentlich ganz erträglich.

3 thoughts on “Unser Leben als Berliner Sommer-Vampire”

A word with Frau Belli? Fire away!

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