Spargeleis.

Ich tauche auf aus den Abgründen der Schreibblockade um euch zu verkünden: Seid getrost — denn endlich ist es wieder erhältlich, das Spargeleis! Wir haben ja alle so sehr darauf gewartet. Elf Monate ohne, das geht ja fast nicht. Schließlich ist es so… speziell. Nein, Moment: Interessant. Noch besser: Unergründlich.

Das durfte ich nun endlich auch am eigenen Leibe erfahren, denn am Sonntag habe ich den Sprung ins Ungewisse gewagt und mich — gespannt wie ein Regenbogen — in die endlose Schlange der Eisdiele Tanne B am Lausitzer Platz eingefügt. Relevante Fragen zu jenem Zeitpunkt: Wie schmeckt Spargeleis wirklich? Ist es süß? Ist es salzig? Ist es so seltsam wie es klingt? Ist es etwa gar ein unschlagbarer Geheimtipp? Oder wissen bereits alle, dass man die Sache wenn immer möglich vermeiden sollte?

Je näher ich der Theke kam, desto besser konnte ich sehen, dass das Spargeleis relativ einsam und unberührt vor sich hin fror. Das arme Ding! Ein Moment des Erbarmens, aber auch ein Moment des Zögerns. Vielleicht ist es ja geradezu unfassbar ekelhaft. Vielleicht wissen das ja alle. Sicher oute ich mich jetzt als Tourist, obwohl ich streng genommen ja seit bald drei Jahren hier lebe. Tatsächlich konnte ich mir zu diesem Zeitpunkt nichts anderes vorstellen. Aber! Könnte ich es mir denn auch verzeihen, diese gewagte Kreation aus genannten Gründen nicht zu probieren?

Ich nehme jedes mir zu einem späteren Zeitpunkt offerierte weitere Leben dankend an, aber momentan gilt es, aus diesem hier das Beste zu machen. Und deswegen, meine lieben Mitmenschen, muss Spargeleis probiert sein! Und wenn ich irgendwo auch noch Spargelschokolade zu probieren kriege, dann ebenfalls her damit! So etwas gibt es nur hier, und auch nur im Mai — aber dann auf fast schon zwanghafte Weise. Über die ausgiebige Liebesbeziehung der Deutschen zur Spargel habe ich ja bereits in meinem Beitrag bezüglich Schlammbädern und Dackelrennen berichtet.

Der entscheidende Augenblick kam und die Eisfrau sagte “Ja bitte?” Ich sagte, etwas leise, etwas zögerlich: “In zwei Bechern bitte gerne jeweils eine Kugel Spargeleis.” Eine Kugel für mich und Gspänli Lini, die andere Kugel für die drei bierbrauenden Männer, einer davon mein Norweger. Die fermentieren das flüßige Gold mit Hilfe von rotem Reis oder herbstlichem Kürbis; da wird eine Eiskugel mit Spargelnote auch noch drinliegen.

Die Eisdame bewegte sich fort von mir und hin zum anderen Ende der Theke. “Zwei Kugeln Schokoladeneis, in je einem Becher?” rief sie über die wartenden Köpfe hinweg. Oh Gott, nein, nicht Schokolade! Spargel! Muss ich das denn jetzt auch noch LAUT korrigieren? “Ich glaube sie hat dich falsch verstanden,” murmelte Gspänli Lini. Widerwillig rief ich also über alle Köpfe hinweg zurück: “Nein, Spargel. Spargeleis!”

“Was? Spargel?”

Ja himmelherrgott, ist das denn so unfassbar? Die Anzahl der Augenpaare, die sich auf mich hefteten und mich von der Seite etwas angewidert äugten sprach dafür.

JA. Spargel! SPARGEL! Ich gebe es ja zu! Gefrorener, seltsamer, praktisch unangetasteter SPARGEL! Verurteilt mich! Belächelt mich! Ich kann nicht anders.

Und so landeten sie auf der Theke, die zwei Kugeln. Sie waren weisslich, nicht grün. Und sie sahen erstmal aus wie normales Eis. Kichernd wurde die ungewöhnliche Beute ins Epizentrum der Braukunst gebracht, aber schon auf dem Weg mutete die mir entgegenwehende Spargelfahne etwas beängstigend an.

Dann kam der große Moment, auf den wir alle gewartet hatten: Wir probierten Spargeleis. Die Amerikanerin machte den Anfang. Mutig stürzte sie sich ins Abenteuer. Nach einem Löffel fand sie, sie hätte genug gehabt. Definitiv ein Eis mit Neuheitswert, meinte sie noch, aber nicht etwas wovon man auch nur eine Kugel essen könnte.

Danach waren wir Schweizerinnen am Zug. Der Schock sitzt noch heute tief. Um die sicherlich allerseits große Neugierde zu stillen: Spargeleis ist süß. Und dennoch spargelig. Es riecht wie Spargel und schmeckt… nach Spargel mit Sahne — und Zucker. Die Kombination ist tatsächlich so seltsam, wie man sich das vorstellt.

Der Mensch, der das Eis entworfen hat, verdient meinen tiefsten Respekt. Nicht nur, dass er überhaupt auf die Idee gekommen ist. Nein, er muss ja auch stundenlange, wenn nicht tagelange, in der Küche getüftelt haben. Immer und immer wieder probiert haben. Sorgfältig und geduldig den Zucker gegen das dominante Spargelaroma balanciert haben. Bis eines Tages der Zeitpunkt kam, wo er offensichtlich fand: Jetzt! Jetzt hab ich’s. DAS wird ein Knüller. Und doch muss ich sagen, dass es dieser Mensch tatsächlich geschafft hat, die Mission Spargeleis mit einer Erschaffung, die den Brechreiz gekonnt aus dem Spiel läßt, zu beendigen. In der Tat ist es das Spargeleis wert, probiert zu werden. Häßlich ist es nicht! Einfach sehr intensiv. Und damit Geschmackssache.

Und so kam es, dass zwei Amerikaner, zwei Schweizer, und ein Norweger in Berlin gemeinsam Spargeleis probierten. So kam es auch, dass zwei Becher mit jeweils einer Kugel Spargeleis langsam, aber stetig vor sich hinschmelzten.

Bis sich auch noch der deutsche Brauer zur Runde dazu gesellte.

“Ich weiß gar nicht, was ihr habt!” meinte er nach dem ersten Bissen. Und löffelte die nun praktisch flüssige Köstlichkeit i aim Schnurz vom Tisch.

3 thoughts on “Spargeleis.”

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