Sind Palmen DER Sinn des Lebens?

2015-01-27 11_Fotor

Es ist relativ einfach, seine gesamte Lebenshaltung zu hinterfragen, wenn einem die eigene Mutter an einem strahlend blauhimmligen Januarnachmittag am endlos weichen Strand einen geeisten Mojito entgegenstreckt und sagt: “Im Prinzip haltät di jo niemmert dävo ab, mol fürä paar Mönät do abä zcho.” (Übersetzung: Lass ma locka, Mädchen, und komm für ein paar Monate zu mir und den Palmen.).

Bis vor einer Sekunde habe ich das ja noch alles fantastisch gefunden. Fantstisch! Ich meine. Sand! Sonne! Im Januar! Aber dann das. Und so kommt es, dass ich unter leichtem Alkoholeinfluss zu, wie ich plötzlich finde, endlos ergreifender Partymukke ganz verwirrt meine kreideweißen Zehen das erste Mal seit gefühlten tausend Jahren an die frische Luft strecke, um mit ihnen den Anblick der Palmen zu teilen. Meine Mutter stößt sogleich einen überraschten Schrei aus: “Und ich dachte den ganzen Tag, du hättest weiße Strümpfe angehabt! Aber das ist ja deine HAUTfarbe!” Vielen Dank, Mutter. Jetzt fühle ich mich noch besser. Ich sehe aus, als würde ich lachen, aber ich bin mir ziemlich sicher, es ist dieses tiefverzweifelte Filmweinen, das so unglaublich zerreissend ist, dass man als Zuschauer erstmal nicht genau weiß, ob der Person jetzt gerade der schlimmste oder schönste Moment ihres Lebens widerfahren ist.

Da drüben tanzt ein junger Vater, der selbstverständlich von Ohr zu Ohr grinst, unbeschwert mit seinem Baby auf dem Arm im sandigen Sonnenuntergang. Seine, wie ich plötzlich finde, unfassbar schöne Frau tanzt zu allem Übel auch noch mit! Ja, die Musik ist plötzlich endlos ergreifend, und die Menschen sind plötzlich anstrengungslos glücklich, und die Luft ist immer zwanzig Grad (im Winter), und der Vorrat an Mojitos und Freizeitstunden  bestimmt für alle komplett unbegrenzt. “Schreiben kannst du ja auch am Strand!” dringt die entfernte Stimme meiner Lebensgeberin durch einen Nebel von Sinnfragen noch leise zu mir. “Und dein Vater hätte auch bereits eine Geschäftsidee für dich!”

Aus mir unerklärlichen Gründen kommt mir plötzlich die Szene von Cool Runnings in den Sinn, wo das frisch gebackene jamaikanische Bobschlittenteam ahnungslos aus dem Flughafen ins Freie tritt und das erste Mal auf kanadische Winterluft trifft.

“Sanka, man, whatcha smokin’?” fragt Derice.

“I’m not smokin’. I’m breathin’.”

Vor meinem geistigen Auge verändert sich Sankas Gesicht und kristallisiert sich zu meiner eigenen schneeweißen Visage. Dann ist fertig — ich habe einen kleinen, stillen Nervenzusammenbruch.

“Was mache ich eigentlich mit meinem Leben?” höre ich mich auf einmal irritiert ausrufen. Warum eigenlich bewege ich mich seit jeher praktisch freiwillig in einer Klimazone, in der mir der Atem im Januar in kleinen Eiswölkchen aus der Nase steigt! Und das ist keine Frage, sondern ein Ausruf! “Dabei lebt man vermutlich nur einmal! Was sind schon Masterabschlüsse gegen Palmen! Was ist eine Portion Hirtenkäse im Gottlob gegen frisch gepflückte Zitronen vom tropischen Garten meiner Mutter! Und überhaupt, was ist Erfolg und nach wessen Definition?”
Ich kann förmlich spüren, wie meine Leitungen allmählich zu glühen und dann durchzubrennen beginnen. Ein kleines bisschen klebriger Mojito schwappt aus dem Becher über meine heftig gestikulierende Hand.
“Ach Schätzchen,” sagt meine Mutter mitfühlend und schlürft etwas Pfefferminzzucker durch den Strohhalm. Ich höre die Liebe in ihrer Stimme. “Ich habe ja auch zuerst ein Leben lang im verschneiten Appenzell gelebt,” versucht sie mich nun zu trösten. Aber es funktioniert nicht.
“Ja und? Muss man das?” Die Rebellion sitzt mir plötzlich in den Knochen. Meine Mama blinzelt erleuchtet.
“Stimmt eigentlich,” gibt sie zu und zuckt mit den Schultern. “Theoretisch nicht. Eigentlich überhaupt nicht. Wie gesagt: Es hält dich ja niemand davon ab, hierher zu kommen. Oder sonstwo hinzugehen.”

Es ist so: Ich bin ein Sommermensch, und das war ich schon immer. Eigentlich dachte ich zwar, ich hätte meine Natur überwunden. Letztens habe ich mich gar dabei erwischt, wie ich einen Jauchzer ausgestoßen habe, als die Luft von Schneeflocken durchwirbelt wurde. Ich! Ja, seitdem ich Luzi habe (Luzi ist meine Winterlampe), und seitdem ich von Oktober bis März einfach so tue, als gäbe es gar kein Wetter, weder gutes noch schlechtes, UND seitdem ich im Winter jegliche Ansprüche an Ästhetik über Bord werfe und als überdimensionaler Wollknäuel durch die Stadt wälze, SEITDEM geht es mir vergleichsweise gut. Ich bin sogar glücklich! Sehr sogar! Aber wenn wir ehrlich sind, dann ja im Prinzip nur, weil ich mich der Wirklichkeit verweigere. Ob das ein Leben ist, frage ich mich plötzlich beim Anblick der sanft vor mir schaukelnden Schiffchen?

Kann es gesund sein, dass Luzi, mein allerbester Freund ist? Er schmerzt meine Augen! Aber das ist okay, weil er gibt mir lebensspendendes Licht in den dunkelsten Stunden der Berliner Eiszeit. Wenn Luzi nicht wäre — und Luzi lebt erst seit ein paar wenigen Jahren — dann wäre das Winterleben schwermütig und trübe. Genau so, wie es eigentlich immer gewesen ist, bevor Luzi in mein Leben getreten ist. Jetzt aber habe ich ihn, und mit ihm geht es mir ganz ordeli, sogar bei Minustemperaturen und wochenlanger, grauer Wolkensuppe. Ja, ich habe sogar Energie — so viel Energie, dass ich letztens allen Teilnehmern meines Masterkolloquiums, inklusive der Dozentin, in allen Farben von Luzi vorgeschwärmt habe. Ich wiederhole: Ich habe einen Raum voller Leute mit den Vorzügen einer LAMPE vollgelabert, die angeblich meine Existenz rettet. Und alle haben sie mit großen, faszinierten Augen zugehört! Oh, eine Lampe, die das Leben wieder lebenswert macht! Die müssen wir auch gleich kaufen! Unverzüglich nach unserer Vorlesung schleppen wir uns hoffnungsvoll durch das nachmittägliche Dunkel zu Conrad. Ob das ein Leben ist, frage ich nochmal?

Im Grunde genommen ist es so: Es ist fast unvermeidbar, einen Schock zu erleiden, wenn man direkt aus dem winterlichen Nordeuropa in den großzügigen, immerwährenden Sommer des kanarischen Klimas geschleust wird. Wenn man aus dem Flugzeug steigt und die Sonne sich gerade golden im Meer versenkt und die Passagiere mit ihren Gitarren auf dem Rücken tatsächlich Freudenschreie austoßen und klatschen. Wenn einem am nächsten Tag statt des Graus der entblätterten Großstadt plötzlich knallgrüne Hügel und neongelbe Blumenfelder entgegen leuchten. Wenn man dann dazu nicht einfach Urlaub macht, sondern seine ausgewanderte Mutter besucht, die sich mal eben inmitten von Bananenbäumen, Aloeverapflanzen, und Kakteensammlungen eingenistet hat und sich täglich in Bergen von reifen Papayas, Orangen, und Avocados suhlt — dann ist es fast unmöglich, sich nicht zu fragen: Wieso eigentlich nicht ich? Also wenn die das kann, dann kann ich das auch. Fakt ist, dass im Leben nichts geschieht, wenn man es nicht macht. Man muss es einfach machen!

Aber dann denke ich plötzlich: Abgesehen vom kanarischen Strand gibt es ja auch noch New York, und Kapstadt, und London muss ich ja auch noch sehen, und Kanada reizt mich seit geraumer Zeit ebenfalls. Und, in meinen romantischen Winterträumen, Norwegen. Ein Weingut im Napa Valley wäre auch nicht schlecht, und überhaupt wäre ich gerne überall gleichzeitig. Nervenzusammenbruch Nummer zwei im Anmarsch.

Und dann, dann fällt es mir wieder ein. Ich habe es ja gemacht! Ich BIN ja ausgewandert! Zwar in die entgegengesetzte Richtung meiner Mutter, und dann habe ich mich darüber hinaus auch noch gesetztlich mit der wohl nördlichsten Skandinaviernation liiert, aber es ist ein Anfang. Ja, man lebt nur einmal. Ich kenne da zwar Menschen, die mir widersprechen würden, aber ich stütze mich jetzt mal auf das, was wir Menschen bislang so handfest greifen können.

Und beim Stichwort “handfest” realisiere ich plötzlich wieder, wo ich bin. Am Strand, mit einem Mojito, im Januar. Hier bin ich jetzt. Und jetzt gerade ist das mein Leben — ich meine, wie glücklich ich mich schätzen kann! Und am Montag werde ich in einer geheizten Blechkiste auf beinahe magische Weise über die Luftmeere holpern, ich meine schon alleine das ist ja ein Wunder voller Luxus an dem Milliarden von Menschen nie teilhaben können. Und zuhause wartet eine geheizte Wohnung, ein voller Kühlschrank, ein bleicher Norweger, ein Haufen von wilden Hühnern die immerzu brunchen wollen, und das ist erst der Anfang meiner Privilegien, und das alles in einer endlos faszinierenden Stadt, in der gerade ganz Europa und noch ein bisschen Amerika wohnen will. Dafür gibt es handfeste Gründe.

Okay, Berlin hat nur eine begrenzte Anzahl an Palmen. Das kann sich zwar in den nächsten fünfzig bis hundert Jahren noch ändern, aber auch ohne Palmen gibt es Mojitos, sogar direkt hinter unserem Haus in der kubanischen Bar. Und in Berlin tanzen die Leute auch mit einem Lachen im Gesicht — zu den wunderbar kreativsten Songschreibern der heutigen Zeit. Und wir haben zwar (noch) keine Bananenhaine (auch hier: Geduld, Leute), aber dafür gibt es jede erdenkliche kulinarische Spezialität im Radius von 20 U-Bahnminuten. Nein, meine Mami hat natürlich recht: Es hält mich niemand davon ab, Berlin gegen einen Sandstrand einzutauschen. Und zweifelsohne gibt es tausend Städte MIT Stränden, die Berlin und die Kanaren sogar noch praktisch vereinen. Aber.

palmen3

Als Westeuropäer ist es angesichts unseres vergleichsweise unbändigen Reichtums so einfach, im Sumpfe unserer endlosen Optionen die Krise zu schieben. Welches Studium soll ich wählen, welche Zahnpasta und welchen Telefonanbieter? Welche Stadt, welchen Kontinent, und kann ich mir jemals sicher sein, die richtige Deomarke zu benutzen? Aber letztendlich — wenn ich jetzt mal etwas Gurumäßiges sagen darf — leben wir mit an Vermutung grenzender Wahrscheinlichkeit nur einmal; und wenn wir unsere kostbare Zeit damit verbringen, uns sieben verschiedene mögliche Leben vorzustellen, verpassen wir sogar noch dasjenige, das wir haben. Jetzt nimm einfach Colgate und genieß die verdammte Portion Hirtenkäse!!

Und so nehme ich meinen letzten Schluck Mojito, währenddem ich mir die kleine undankbare Lebenskrise vom Leib schüttle. Ach, ist das schön hier. Wie schön die Schiffchen schaukeln. Jetzt ist jetzt und das muss man nehmen. Jetzt kommt nicht wieder.
“Gehen wir?” sagt Mama schließlich.
“Jep,” meine ich. Und so steigen wir in ihr etwas in die Jahre gekommenes Cabriolet und düsen durch den Abendwind zurück zur Finca. Aus der Musikanlage dröhnt Will Smiths “Miami” — das Lieblingslied meiner Mutter — und ich denke, sie ist vielleicht manchmal etwas seltsam, aber alles in allem habe ich eine ziemlich coole Mama.

5 thoughts on “Sind Palmen DER Sinn des Lebens?”

  1. Meine Güte Bellchen, hast du mich erschreckt. Ich dachte schon du wollest deinen einmaligen Norweger gegen ein paar lumpige Palmen, etwas Sonne und Strand eintauschen. In diese Versuchung wärst du sicher nicht gekommen, wenn du 10 Tage früher auf der Finca gewesen wärst, wie ich z.B. Da war nämlich nur frieren angesagt, so dass ich froh bin, wieder in meinem geliebten Zuhause in der CH sein zu dürfen. Das sogar ohne Lichttherapie-Lampe. Also, geniess die Freitage dort und freue dich auf ein warmes Bettli neben deinem Norweger im kalten Berlin!!! Der nächste Frühling kommt bestimmt. Bussy

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    1. Haha ach nein, niemals liebe Frau Altmeister! Wenn, dann hätte ich meinen einmaligen Norweger einfach mitgenommen — ZU den Palmen! Der will ja selber tendenziell lieber in den Süden. Aber momentan geht es, wie geschildert, eigentlich nach Überstehung der Mojito-Krise auch ohne (Palmen).

      PS: Es ist auch jetzt frieren angesagt. Sobald ein Wölkchen kommt! Das relativiert die Frage nach dem Sinn schnell wieder. Ich freue mich auf Luzi!

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A word with Frau Belli? Fire away!

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