Frau Belli stirbt im Schlammbad-Spa

Von Schlammbädern, Dackelrennen und anderen missglückten Events

Ich bin am Boden zerstört.

Soeben lese ich, dass in Berlin alljährlich Dackelrennen abgehalten werden! Im September. Wann lese ich es? Anfang Oktober.

Das ist doch einfach Grausamkeit. Pure Grausamkeit! Hätte ich das gewusst, so wäre ich selbstverständlich zur Stelle gewesen – komplett mit Klappstuhl, Fernglas und Proviant für den gesamten Tag, damit ich mich nicht mehr vom Platz wegbewegen muss. Ich wäre heiser nachhause gekommen und hätte ziemlich sicher auch eine Klage wegen Kidnapping am Hals.

Man stelle sich nur mal vor! Ganz viele kleine, lange Dackel, die zielstrebig durch den Rasen auf ihr Lieblingsspielzeug zuwuseln! Wie kleine Wieselchen. Mal struppig wie alte Männchen, mal glatt und schimmernd wie nasse Otter. Also wenn das nicht das Paradies ist.

Ich habe mir den Termin für September 2015 jedenfalls bereits in allen meinen Kalendern eingetragen – meinem Handykalender, meinem Wandkalender, meinem richtigen Kalender. Ich kann es mir schlicht und einfach emotional nicht leisten, den (und hier in Deutschland übrigens auch oft “das”) Event noch einmal zu verpassen.

Wenigstens – und das heitert mich auf – habe ich dieses Jahr das Schöneberger Kürbisfest miterlebt. Abgesehen vom Dackelrennen ist dies ja mein absolutes Berliner Lieblingsevent und so habe ich diesmal, gleich um die Ecke unseres Blocks, stolz neben einem 221 kg schweren Kürbis posiert, der so groß war wie eine Waschmaschine – glaubt mir, Leute, es war fantastisch.

Ansonsten war das Schöneberger Kürbisfest nicht groß anders als das Schöneberger Spargelfest (ein weiteres Jahreshighlight), da es nämlich genau gleich aussah, wie das Schöneberger Spargelfest, einfach mit Kürbissen statt Spargeln.

Ja, wenn ich – abgesehen von exzessiver Mülltrennung – etwas in Deutschland gelernt habe, dann ist es die Fähigkeit, sich endlos für Spargeln zu begeistern.

Wenn, in der glorreichen Frische des Frühlings, erst einmal die Spargelzeit losbricht, dann aber! Dann spargelt es los hier. Das Stadtbild verändert sich grundlegend; Plakatwände werden nicht mehr von anti-Migräne-Plakaten geziert, oder von “Ich bin Muslime, ich bin Berliner”-Plakaten, oder von Bierplakaten (“Berlin, du bist so wunderbar”). Nein. die Lastwagenflanken werden von Spargelbündeln gesäumt und das Schlangestehen bei Edeka verlockt einen mit geschickt platzierten Spargelangeboten zu verheerenden last-minute Griffen. Die Tagesangebote der Restaurants zeichnen sich ausschließlich durch Spargelprodukte aus und letztes Jahr habe ich irgendwo sogar Spargelschokolade entdeckt. Mir will nicht mehr einfallen, warum ums Himmelswillen ich die nicht probiert habe! So eine Gelegenheit hätte ich mir eigentlich niemals entgehen lassen dürfen (wenigstens habe ich die Degustation von Spargeleis nicht versäumt). Und dann das Spargelfest!

Ja und jetzt, wo wir das herbstliche Kürbisfest hinter uns haben, und auch den Berliner Marathon, jetzt können wir uns auf die Millionen Weihnachtsmärkte freuen. An der Sophienstrasse gibt es sogar einen Umweltmarkt, wo alles zum Verkauf Dargebotene reinster Bioqualität entspricht. Frau Bellis kleiner Geheimtipp: Da habe ich mir letztes Jahr die kuscheligsten Hausschuhe gekauft, die ich dieses Jahr bereits jetzt wie schwere kleine Fellklötze an meinen (warmen!) Füßen durch die Wohnung schleife.

Was mich zum Punkt bringt: Es ist Herbst. Wir sind eigentlich längst zurück – zurück aus dem besten Urlaub meines Lebens, den wir uns nach der wohl besten Hochzeit Berlins verdient haben.

Die Reise in den Westen war so sagenhaft, dass der Aufprall bei der Rückkehr irgendwie ziemlich hart ausfiel. Ich brauchte ganze drei Wochen (ironischerweise so lange, wie die Flittterwochen selbst), um mich daran zu gewöhnen, dass ich jetzt nicht mehr Tag für Tag ein bisschen Wein kosten, durch Sanddünen rasen, oder Baseballspiele live verfolgen kann. Jetzt heisst es ran an die Masterarbeit! Und das tu ich ja auch. Aber. Diese Leere!

Wo sind die Massagen? Wo die Knoblauchrestaurants, die Bierbrauereien, die einsamen Küsten, die luxuriösen Schlammbäder?

Wobei ich ja auf letzteres in Zukunft sehr gut verzichten kann. Eine Aussage, die durchaus ein gewisses Maß an Tragik in sich trägt, denn – wie ja sicher alle wissen – habe ich mein Leben lange von einem vulkanischen Schlammbad geträumt. Regelrecht geträumt, sage ich! Und da mir mein Vater dieses Vergnügen damals bei unserer Strombolireise verwehrt hat (an dieser Stelle räuspere ich mich leicht vorwurfsvoll), dachte ich: jetzt aber! In diesem amerikanischen Sonoma-Tal gibt es ja auch Schlammbäder! Ha!

Ha…

Ha.

Es war grauenvoll. Zum guten Glück kann die Person, die uns den Gutschein geschenkt hat, kein Deutsch – denn ich kann nur wiederholen: grauenvoll.

Das heißt, der Norweger fand es natürlich toll. Ich hingegen erlitt aufgrund meiner Appenzeller-Herkunftsprägung (ich sage nur: Kuhfladenassoziation) einen unerwarteten und tiefschürenden Panikanfall. Ich, tough wie ich bin, riss mich aber brav zusammen und sank zähneknirschend in die Wanne voller gefühlt tausendmillionen Liter flüßgidampfendem Kuhfladen.

Nur war die Sache damit nicht gegessen. Denn nachdem ich das Schlammbad endlich überlebt hatte (ich musste mehrmals das Personal rufen, das mich wieder und wieder beruhigte, nein, ich könne in der Wanne eigentlich nicht ertrinken), stellte sich heraus, dass ich noch drei (!) weitere Torturen zu durchstehen hatte.

Erst kam das mineralische Wasserbad, welches gefühlte fünzig Grad zu heiß eingelassen war. Ständig musste ich jemanden bitten, mir doch ein wenig kühles Wasser zu gewähren. Bitte! Nur ein klein wenig!

Dann wurde ich in das eigentliche Dampfbad gesteckt, und das, ja, das war dann noch die Sauna mit einer Temperatur direkt unter dem Siedepunkt! Ich sah mich regelrecht gezwungen, das eigens dafür vorgesehene Loch in der Saunawand zu nutzen (habe ich schon erwähnt, dass ich während des gesamten Prozesses nackt war?), um mir etwas nicht-kochende Luft zu verschaffen – in der naïven Hoffnung, dies würde mich vor dem endgültigen Kollaps zu bewahren.

Obwohl mir laufend Eis, gekühlte Lappen und Gurkenwasser gereicht wurden, sagte ich nach zwei Minuten nein danke. Nicht mit mir! Ich zeige euch, wo der Bartli dä Moscht holt! Ich muss mich ja niemandem beweisen! Auf schwang ich die Tür und raus stolzierte (kroch) Belli!

Aber gerade, als ich dachte, ich bin FREI, wurde ich in ganz viele Tücher eingewickelt und angewiesen, mich in kompletter Dunkelheit “zu entspannen.”

Ich war nervlich am Ende und körperlich komplett verspannt. Wollte einfach nur, dass es aufhört. Dass das Leiden ein Ende findet. Mein stilles, leises Wellnessleiden.

Aber jetzt bin ich ja wieder da. In Berlin, wo mich niemand in kuhfladenähnliche Substanzen eingräbt. Jetzt gilt es, den letzten Hochzeitsakt zu vollziehen: Dankeskarten schreiben (endlich).

Meine Oma sagte ja letztens, ich solle mir doch keine Sorgen machen; manche Leute bräuchten ganze zwei Monate dafür. Ehm, ja, Ömeli. Der Kommentar war gut gemeint, aber… (August… Oktober… eins, zwei… drei… Monate?).

So. Und sollte der Schlammbad-Geber doch irgendwann einmal Deutsch lernen (oder Google Translate benutzen): Ich kann mich jetzt wenigstens vor Lachen wegschmeissen, wenn ich daran denke. So gesehen ist der Schlammbadspa eine der wertvollsten Flitterwochen-Erfahrungen, die ich machen durfte, oder?

Oder.

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7 thoughts on “Frau Belli stirbt im Schlammbad-Spa”

  1. Fernglas – oder – Fernstecher – oder – Feldstecher – Hauptsache LUSCHTIG !!!!!

    Danke, habe mich einmal mehr köstlich amüsiert!

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    1. ich entscheide!! von nun an ist es “feldstecher” :P aber “fernglas” ist wohl weniger bauernhaft schweizerisch… naja. die deutschen sagen anstelle von “leintuch” auch “spannbettlaken.” es klingt hier alles so viel… gehobener :D wir bleiben bei feldstächo.

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