berliner bräute

“sie wollen dieses buch?” keucht sie; ihre augen sind weit aufgerissen, sie starrt mich an. “DIESES?”
etwas erschrocken starre ich zurück und sage zögerlich: “ehm… ja?”
“dieses minzfarbene mit den goldenen streifen?” kontert sie erneut.
“ja, genau dieses.”
“aber…” sie zieht eine augenbraue hoch und haucht entsetzt: “aber… das ist hässlich!”

ich, angehende braut, sitze gerade in einem der gemütlichen räume des schöneberger standesamts und versuche, ein familienstammbuch für die eheurkunde zu kaufen. betonung auf ‘versuche’, denn wie so vieles scheint dieses unterfangen nicht ohne komplikationen abzulaufen.
ich frage mich gerade, ob ich tatsächlich richtig gehört habe, als ich eine weitere stimme aus dem nächsten zimmer vernehme: “will sie das minzfarbene?!”
die standesbeamtin, auf ihrem beweglichen bürostuhl vor mir thronend, dreht sich leicht in die richtung der tür und schreit zurück: “ja! dasjenige, das nie jemand kauft!”
ich traue meinen ohren nicht. hallo? bin ich unsichtbar?
ein kopf erscheint im türrahmen. neugierige pupillen mustern mich. “jetzt im ernst? warum wollen sie das minzfarbene?”
UND WER SIND SIE?!
ich kann die sich vor mir ausbreitende szene gerade mental nur schwer verarbeiten.
“weil ICH es schön finde.”
“DAS finden sie schön? haben sie sich die anderen bücher überhaupt angekuckt?”
in der tat, in der tat. die anderen bücher verkörpern ganz und gar den 1990er-jahre microsoft-word-clipart look, oder aber sie gehen noch weiter zurück – weit in die 70er und 80er, wo sich muster und farben ohne erkennbares konzept wild paaren und schrille babies machen. wenigstens sieht das minzfarbene ein ganzes jahrhundert älter aus; etwas, das dann schon wieder gestilt antik daherkommt. dies behalte ich selbstverständlich alles für mich und sage: “ja, das habe ich. ob sie’s glauben oder nicht, das minzfarbene trifft meinen geschmack.”
die standesbeamtin vor mir zuckt konsterniert die schultern, legt den kopf schräg und schwenkt ihren blick auf den bildschirm. ihre finger bewegen den cursor in richtung ‘minzfarbenes familienstammbuch’. energisch klickt sie drauf. “sind ja ihre dreissig euro,” murmelt sie.
schlussendlich kaufe ich es nicht, da mich die ganze eheschliessung so viel kostet, dass ich finde, so ein buch kann ich auch für den halben preis bei amazon bestellen.

ich habe mir ja nie viele gedanken zum thema hochzeit gemacht. meine teenager-tagträume haben sich kaum darum gedreht, welchen schnitt ich eines tages für mein hochzeitskleid wählen würde. welche blumen. welche sorte kuchen. ABER. die EINE, konkrete vorstellung, die ich tatsächlich schon immer von hochzeiten hatte, ist, dass man die zukünftige braut auf händen tragen würde. alle würden sie umschmeicheln. oder zumindest diejenigen, die sich an der ganzen kitsch-industrie eine goldene nase verdienen. zum beispiel standesbeamten. wenn ich dann mal braut wäre, dann würde sich die strasse praktisch unter meinen füssen in einen blumenteppich verwandeln, die leute würden mich anstrahlen; die floristen, bäcker, schneider, kleiderverkäufer, friseure, catering menschen, alle würden sie mich gratulierend empfangen, in der hoffnung, ihr produkt für das vierfache des eigentlichen preises verkaufen zu können. ein weisses paar schuhe? 18 euro. ah, ein weisses paar schuhe für die HOCHZEIT? das macht dann 64 euro. trotzdem. meine wünsche würden still und nickend zur kenntnis genommen, egal, was sie wären. denn ich würde ja wohl oder übel das vierfache bezahlen. die welt würde mich verehren.

weit gefehlt.

vielleicht liegt es an der berliner schnauze. vielleicht liegt es an all den schmalzigen hollywood-filmen. vielleicht liegt es ja auch an pinterest. jedenfalls durfte ich in den vergangenen monaten feststellen, dass die traumvorstellung vom ultra-geschmeidigen kundenservice, zumindest was berlin betrifft, ganz und gar nicht der realität entspricht.

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