jenseits der fussmatte

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froyo in der strandbar hinter dem haus, vorbergstrasse.

es passiert doch relativ selten, dass ich mich plötzlich auf einem winzigen dach-balkon anstelle eines kinos, wie ursprünglich geplant, wiederfinde. mit einem limettenbier in der hand und ausblick auf ein karoussell.

aber am vergangenen sonntag wurde mir wiedermal bewusst, dass ich ja in berlin bin – und dass hier prinzipiell nichts überraschen sollte. es kann durchaus passieren, dass der blumenverkäufer partout nicht mit dem kauf DEINER rose einverstanden ist und er dir darum die rose SEINER wahl gratis mit dazu gibt, weil er es einfach nicht verstehen kann, dass du seinen ratschlag missachtest. es kann auch passieren, dass man auf offener strasse beobachtet, wie ein bekleideter herr einer von der hüfte abwärts splitterfasernackten frau höflich den restaurant-stuhl zurecht rückt, als wäre sie NICHT splitterfasernackt. oder dass die kriminalpolizei eines morgens um 7:30 uhr an der tür klopft und nach dir verlangt, um einen fall aufzuklären, der nichts mit dir zu tun hat. und manchmal, manchmal kann es auch sein, dass eines morgens bei der arbeit eine raumfahrtkapsel im hinterhof steht, und man hat keine ahnung, woher sie gekommen ist, und weshalb sie da ist, oder wann sie wieder verschwinden wird.

in berlin werden achtzig meter hohe schuttberge aus kriegstrümmern überwuchert von urwaldartigen wäldern und einer zweiten schicht geschichte: gestern bauten amerikaner darauf geheime abhörstationen im kalten krieg; heute sind dies ruinen auf ruinen, deren winddurchzogene stockwerke von kunstgeschichtsprofessoren als begehbare grafitti-lehrbücher genutzt werden — teufelsberg.

in berlin baut man flughäfen (auch wenn man sie anscheinend nur mit mühe und not dann auch eröffnet), auf denen flugzeuge in manchen jahren im 90-sekunden-takt (!!) starten und landen, um die vom rest der welt abgeschnittene berliner bevölkerung durch eine luftbrücke praktisch ein jahr lang mit allen lebenswichtigen gütern zu versorgen. mehr als sechzig jahre später liegt das flugfeld inmitten der stadt zwar brach – aber es wird doch rege genutzt von drachenfliegern, fahrradfahrern, inlineskatern, spaziergängern, oder guerilla-gärtnern und würstchen-grillmeistern. wer kann schon von sich behaupten, ab und an mal ein sonniges landebahn-nickerchen im klappstuhl abzuhalten? berliner können das — flugfeld tempelhof.

in berlin findet man unter zugbrücken gartenrestaurants, wo gäste von blicken versteckt murmeln können; wo wohnzimmerlampen gemütlich in den wipfeln der umliegenden bäume baumeln und man sich in einer hollywood-schaukel vom stress des tages erholen kann. steigt die temperatur über zwanzig grad, kann man sich ausserdem unter freiem himmel vom hauseignen frisör einen neuen haarschnitt verpassen lassen — kurhaus ponterosa.

und so sollte es doch auch kaum überraschen, dass man ein bestimmtes kino sucht, und den versteckten eingang dazu dann im hinterhof eines hinterhofes eines weiteren hinterhofes findet. dass die treppen dann fünf stockwerke in die höhe schiessen und es keinen funktionstüchtigen lift gibt, sollte eigentlich ebenfalls wenig überraschen. und dass sich beim erreichen der obersten etage eine bordeaux-rote kleine welt mit bar und winzigen balkonen eröffnet, gilt hier doch eigentlich als logisch — kino sputnik.

aber ich bin einfach immer noch überrascht. ich beobachte verdutzt den kino-nachbarn dabei, wie er still und zufrieden vom abendsonnenschein übergossen seine dachoase pflegt, ganz allein, hier oben, wo sich gerade die wenigsten berliner aufhalten. ich kann es ebenso wenig begreifen, dass wir einen balkon für uns alleine haben. und dass ich da drüben ein riesenkaroussell sehe, von dem ich nicht wusste, dass es hier ist. und dass berlin plötzlich wieder so unglaublich grün ist, wo es doch im winter grau in grau daliegt.

in solchen momenten erinnere ich mich dann plötzlich wieder, dass sich jenseits unserer fussmatte eine stadt befindet, die gerade mehr einem riesigen spielplatz als einer hauptstadt gleicht. dann erinnere ich mich, dass es verlassene eiscreme-fabriken und gespenstische  spreewaldpärke zu entdecken gibt. dass es clubs in leeren swimming pools oder ehemaligen getreidespeichern gibt. dass  hinter unserem haus doch eigentlich eine strandbar mit sand und frozen yogurt liegt und wir jetzt wieder jeden abend ping pong spielen gehen können. und dass sogar der winter nicht schlecht war, weil sich die hälfte der stadt an sonntagabenden gemeinsam tatort anschaut und uns die “ökokiste” alle vierzehn tage mit einer ladung voller  regionalem, vitaminreichem gemüse beliefert hat, welches uns krankheitsfrei durch die kälte half. und wer doch mal raus wollte, der konnte sich im langgezogenen park des rathauses nebenan bei minustemperaturen auf dem zugefrohrenen kleinen weiher mit schlittschuhen die langeweile vertreiben.

aber jetzt, jetzt wird es erst mal sommer. jetzt gibt es wieder freiluftkinos und brandenburger seen und biergärten und trümmerberge oder flugfelder, auf denen man drachen fliegeln lassen kann. gehen wir raus spielen!

4 thoughts on “jenseits der fussmatte”

  1. Weshalb nur überrascht es mich so überhopt nicht, dass ich von diesem erfrischend farbigen Beschrieb “Deines” faszinierenden Berlins ziemlich entzückt bin?! MiiiiissssssU feschtfescht ;-) Umärmel von Frau Möllemann

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  2. Bei uns hat es auch Kapseln im Hinterhof – leider nur verbrauchte Kaffeekapseln, aber was soll’s! Andere Hinterhöfe, andere Kapseln ;-)
    Danke für den tollen Beitrag!

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  3. Hey belleli, isch immer wido luschtig dini gschichtli do zlesä. Gits scho neui?;) oder darfi de hot Pot wiedermol reservierä?

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A word with Frau Belli? Fire away!

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