Wir überleben den Berliner Silvester

(oder: der zwiebelpasten-aufruf!)

“sag ma, iss hia eigentlich frühling oda was?!” höre ich hinter mir eine studentin ausrufen. sie klingt halb begeistert, halb misstrauisch. recht hat sie. berlin ist diesen winter etwa so winterlich, wie es letzten sommer sommerlich war – halbherzig, schleppend, unüberzeugend.

die selbe wetterliche unentschlossenheit, die mir im vergangenen sommer noch den letzten nerv geraubt hat, empfinde ich jetzt selbstverständlich als segen. meine freunde kannten mich ja schliesslich früher als kompromisslose sonnenanbeterin, die es kaum erwarten konnte, nach erreichen des erwachsenenalters subito in’s ferne napa valley zu verduften, um für den rest meines lebens genüsslich kalifornische trauben zu ernten — stets begossen von wohltuendem sonnenschein — und abends bis morgens selbstgezogenen wein zu schlürfen. ich hatte ausserdem konkrete pläne, mich mit einem NBA-spieler zu paaren und nebenbei als professorin für friedens- und konfliktforschung zu brillieren.

erwachsen wurde ich ja dann aber nie wirklich — stattdessen hatte ich die grandiose idee, mich weiter nördlich, in berlin, niederzulassen. “wenigstens ist berlin nicht skandinavien!” sagte ich mir damals. dann ging ich schnurstracks in eine russendisko namens kaffee burger und trank vodka mit einem norweger (der selbstverständlich nicht basketball spielt, sondern lego). ja. und jetzt habe ich den salat.

ich bin natürlich trotzdem — oder gerade deshalb — sehr zufrieden. recht hatte das leben! es weiss natürlich alles besser, und ich wäre nie selbst auf all dies gekommen (wie auch)! jetzt bin ich hier. und von hier aus kommt der wahrhaftig südlich mediterrane charakterzug der schweiz viel besser zum ausdruck. sogar die alpen haben in meinem vorstellungsvermögen zur zeit ein klares mittelmeer-flair. die schweizer, die sitzen mit sonnenbrillen in ihren skigebieten auf den gipfeln der berge, im t-shirt bei winterlichem sonnenschein, und ihre liegestühle haben alle ganz kuschelige felle. sie trinken ovi und sind braungebrannt. (wenn ich das jetzt nochmal lese, dann klingt das nicht ganz so mediterran, aber immer noch mediterraner als berlin). ich entdecke eine ganz neue seite meines herkunftslandes. ich komme aus dem süden!

aber — wie ich an silvester feststellen durfte — die schweiz ist nicht fern. sie liegt zwei ubahn-stationen weiter in wilmersdorf. ich wollte ja nur raclette-käse kaufen. aber da, im “chuchichäschtli“, da kam ich zur ruhe, denn da war AUCH ich umgeben von bergen — bestehend aus zweifel graneo mild chilli chips, diversen fondue-mischungen, kägifret, appenzeller glühbier, und ovomaltine crispy cream guezli (womä imfall susch in berlin NIENÄZ finnt!). “grüezi!” hiess es aufrichtig fröhlich, und zur begrüssung wurde mir sofort ein glas sekt in die hand gedrückt. vor mir standen die zwei grossgewachsenen ladenbesitzer, von ohr zu ohr strahlend. in einem beeindruckend fast-akzentfreien schweizerdeutsch erkundigte sich der eine umgehend nach meiner herkunft und ob dies mein erster silvester in berlin sei. ich sagte “appenzell” und “ja.” die beiden warfen sich gegenseitig vielsagende blicke zu. dann bogen sie sich verschwörerisch über mich und der schweizerschweizer raunte leise: “krieg… es ist wie im krieg. an meinem ersten silvester in berlin dachte ich: so muss krieg klingen.” meine augenbrauen hoben sich automatisch, ich war kritisch. der deutsche schweizer fügte an: “wir leben hoch über der stadt. HOCH. aber schon nach fünfzehn minuten feuerwerk sieht man NICHTS mehr.” — “gar NICHTS,” fügte der schweizerschweizer an. “die ganze stadt ist in feuerwerksnebel gehüllt. und LAUT ist es.” “oh so unglaublich laut!” rief der deutsche schweizer.

ich erklärte, dass wir nur einen ganz ruhigen silvester wollten. kannten die beiden denn einen ort für einen ruhigen berliner silvester? “die stadtgrenze,” kam die ernüchternde antwort. “oder drinnen bleiben.” den tipp hatte ich schon mehrfach bekommen. berlin ist an weihnachten leer — aber an silvester voll. voll von a) lebensmüden feuerwerksfanatikern und b) touristen. kategorie c) normalo bleibt anscheinend aus sicherheitsgründen weitgehend im schutze von vier privatwänden — oder aber er verreist komplett. ich habe da schon alle möglichen gründe dafür gehört, inklusive einer geschichte, die mitunter die explosion einer telefonzelle beinhaltete.

wir blieben natürlich NICHT drinnen. das heisst, nachdem wir dank dem chuchichäschtli auf meinem zweierofen ein urschweizerisches raclette gezaubert hatten, schlichen wir uns auf einem spaziergang zu derjenigen brücke, die meines wissens als “noch recht unbekannter geheimtipp” gehandelt wurde. zum glück befand sich die gleich in unserer nachbarschaft, die wir sowieso als ungefährlich abwinkten. wir sind ja schliesslich nicht in neukölln hier, sondern in schöneberg, wo die schönen, kleinen cafés und delikatessen-geschäfte regieren.

lange rede, kurzer sinn: in der halben stunde auf der brücke fingen die haare meines nachbars feuer, mein gesicht wurde unerwarteterweise flächendeckend mit champagner besprüht, und ein higher passant hielt sich selbst für einen verkehrspolizisten, wobei er konsequent die strasse blockierte und die autos in unlogische richtungen winkte. und, sahen wir berlins prächtige stadtfeuerwerke? wir sahen keine feuerwerke. wir sahen nur private vulkane und böller, die – zwar bunt und schön, aber beängstigend chaotisch – in alle richtungen sprühten und nach der besagten viertelstunde keine chance auf aussicht liessen. kopfhängend schälten wir uns aus der brodelnden masse und schleiften uns in die kubanische bar hinter unserem haus, wo wir verloren wirkenden älteren menschen dabei zusahen, wie sie still ihre mojitos schlürften. zu guter letzt entschlossen wir uns, den abend wenigstens mit einem schönen film abzurunden. das von feuerwerkskörpern eingeschossene fenster entdeckten wir erst bei tageslicht am nächsten morgen.

silvester 2014 verbringen wir dann wohl an der stadtgrenze. und — nachdem ich am letzten 1. august EXTRA voller sehnsucht nach zürich geflogen bin, um die feuerwerke zu sehen, und am see stundenlange gewartet habe, und dann keine kamen, weil ich nicht wusste, dass das zürifäscht schon alle feuerwerke fürs jahr aufgebraucht hat!!! — meinen nächsten 1. august feiere ich unspektakulär in meiner neuen heimat, dem chuchichäschtli. da sollen sich jeweils angeblich tausende schweizer tummeln, die strasse wird abgesperrt, lampione glühen, vollmondbier fliesst.

aber bis dahin geht es ja wieder elf monate. erst gibt es jetzt noch etwas mehr winter, dann einen frühling, einen sommer, einen herbst. und das alles gilt es, zu leben. es gibt ja schliesslich nur ein 2014. und wenn auch sehr verspätet, so wünsche ich doch allen, dass dieses jahr — wo auch immer — ein wunderbares wird!

UND sollte irgendjemand im kommenden zeitraum einen abstecher nach berlin planen, so würde ich den- oder diejenige auf knien anflehen, mir gegen bezahlung etwa achtizg oder neunzig tubä zwibelpaschte vo de migros über die grenze zu schmuggeln. BITTE. ich kann das jetzt nicht erklären. auf alle fälle, zwibelpaschtä hii oder häär: EIN VERSPÄTETES, GLÜCKLICHES 2014 EUCH ALLEN! ich wünsche euch von herzen wundervolle elf verbleibende monate… macht das beste draus :) und lasst von euch hören.

(aber nur mit zwiebelpaste).

4 thoughts on “Wir überleben den Berliner Silvester”

A word with Frau Belli? Fire away!

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