wir sind doch alle türkische glitzer-michael-jacksons

“machen sie sich ingwertee?”

ich zucke zusammen. als ich überrascht meinen kopf nach rechts drehe, um dem ursprung der von neugierde triefenden stimme zu folgen, sehe ich mich mit einem paar grossen, blauen, von oben auf mich hinabstechenden adlerweibchenaugen konfrontiert. da steht sie, diese wildfremde frau, und äugt zuerst meinen ingwerknollen auf dem laufband, dann mich, dann wieder zurück. die frage ist so urplötzlich in mein leben geplatzt, dass ich mich – wenn auch etwas perplex – leise antworten höre: “ehm,” und dann ein zaghaftes, mehr nach einer frage klingendes “äh, jaaaa…? ja doch.”

“aha!” sagt sie laut und energisch. ich sehe aus meinen augenwinkeln, wie sich andere blicke auf uns richten. und ich, ich frage mich: was zum…. wer ist das denn jetzt? und dann die schleichende vermutung: ist sie… ist sie vielleicht… verrückt? man weiss ja nie. auf dem weg zur arbeit letzten sonntag ist eine ältere, total unauffällig aussehende dame in der s-bahn urplötzlich völlig ausgetickt. sie hat gehört, wie menschen in meinem alter etwas als “voll geil” bezeichnet haben, und irgendwo war da auch noch das wort “scheisse” drin. da rastete die frau einfach aus. ganze zwanzig minuten lange hatte sie einen kompletten  nervenzusammenbruch, in dem sie sich über die jugend und deren wortwahl und die nicht vorhandenen manieren purpurrot geschrien hat. andere leute ihres alters versuchten sie – nach anfänglichem schmunzeln – zu beruhigen und ihr gegenargumente zu bringen. aber nichts da: die arme frau war so ausser sich, dass man nach spätestens ein paar minuten nichts mehr machen konnte. allen tat es furchtbar leid – aber gleichzeitig war es, als müsste man während einer kirchpredigt einen lachanfall zurückhalten, denn das toben der dame nahm irgendwann absurde dimensionen an. man glaubt einfach nicht, dass es nicht aufhört. schliesslich knisterte es in der luft; man konnte förmlich spüren, dass der gesamte zug dringendst hätte lachen müssen; es brodelte unter der oberfläche. ab und zu konnte sich der eine oder andere nicht mehr zurückhalten und brach in schallendes gelächter aus. oh, das machte die lage nicht besser.

aber diese junge frau hier, neben mir an der kasse. gepflegte erscheinung. ein schönes mäntelchen, echte lederstiefel. perlen. mitte dreissig. vermutlich eher wohlhabend, wenn ich mir das so oberflächlich überlege. ist es also möglich —

“wissen sie,” fängt sie dann plötzlich laut an. wieder zucke ich etwas zurück.

“wenn ich jetzt so ihren ingwerknollen hier auf dem laufband sehe, dann denke ich: ja, scheisse!!”

okay. definitiv. definitiv fühle ich alle blicke in meinem nacken. “SCHEISSE!” wiederholt sie, “ja ich hätte mir AUCH so einen knollen holen sollen. nicht? bei diesem wetter! ingwertee ist so gesund!”

ich nicke. “äusserst gesund,” stimme ich ihr zu. “ja.” ich weiss nicht, was ich noch sagen soll. für einen moment herrscht stille.

es gibt ja leute hier. ein jahr bin ich hier — aber was ich schon alles angetroffen habe! zum beispiel war da dieser künstlertyp aus dem iran, der mir auf der u-bahn anbot, fortan mein sklave zu sein. als ich höflich verneinte, wollte er wissen, warum ich mich damit nicht wohl fühlen würde. ob ich denn ein problem damit hätte, in einer seiner performances auf die leute im publikum zu spucken? ja, das hätte ich. das musste ich jetzt einfach mal ehrlich zugeben. er verstand es nicht. ob er mich denn wenigstens malen dürfte.

plötzlich erwische ich mich, wie ich ihren einkauf ebenfalls beäuge. hefe. mehl. eier. sie wird wohl etwas backen. ja, was backt sie denn? himbeeren sind da auch noch. eine himbeerwähe? än fladä?
“und sie, backen sie was heute?”
WAR DAS ICH??
oh gott. bin ich verrückt? ich bin verrückt.

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