ode an oma

(müll-trennungsschmerz II)

2013-07-22 13.45.31

in einem blog klingt ja alles vermeintlicherweise so abenteuerlich. mein leben ist hier ja auch auf die unterhaltsamsten anekdoten kompremiert. meine oma schreibt mir darum, beim lesen meiner zeilen habe sie ein kribbeln im bauch. in anderen nachrichten meinte sie auch schon, es werde ihr ganz ‘schwindelig und flau im magen’ wenn sie von meinem ‘gefährlichen und nervenaufreibenden studentendasein’ lese. und wie es sich für eine sorgende oma gehört, so meint sie ausserdem, ich sei gleicherweise mutig und ‘doof’ – weil ich juni und juli immer noch nicht unterscheiden kann, was mir dementsprechend  administrative probleme bereitet. recht hat sie. doofes belli. (und ja: meine oma liest meinen blog. sie kommentiert ihn ausführlich in ihren langen emails. sie hat auch ein trampolin).

aber sorgen machen muss sie sich nicht, meine sehr vereehrte oma, denn in – wie sie es nennt – ‘diesem rätselhaften berlin’ passiert mir auf den durchschnitt ausgerechnet nur in absolut ertragbaren abständen etwas mässig aufregendes – dies muss hier auch einmal gesagt sein. mein leben besteht ja eigentlich grösstenteils aus klausi (meinem imaginären dackel) und oliver, dem müllmann. was klaus betrifft, der hat sich noch immer nicht materialisiert. und der müllmann hat sich bis heute nicht beruhigt.

dabei bin ich jetzt so toll im müll-trennen. was auch immer es ist – ich weiss, wie man es  entsorgt. ich beherrsche das ganze tonnensystem, die trennungskategorien, die richtigen zeitfenster. ich weiss sogar, in welcher nacht welcher müllwagen welche tonnen leert, weil ich durch das gerumpel und gekrache immer hocherfreut aufwache. und immer, wenn wir jetzt etwas entsorgen, vergewissere ich mich, dass auch ja nichts über den tonnenrand hinaushängt. das mag der müllmann nämlich überhaupt nicht. noch immer knallt er uns haufenweise kram auf die treppe, um den täter unverblümt auf sein entsorgungsdelikt hinzuweisen.

der müllmann hat sich mittlerweile aber entlarvt. nachdem er ja im märz meinen nichtsahnenden norweger verängstigt hatte, erspähte kurz darauf auch ich sein gesicht. eines nachts beobachtete er nämlich schweigend und versessen von seinem fenster aus, wie wir unseren restmüll (schwarze tonne!!) entsorgten. das. war. unheimlich. ein entrüstetes “häsches bald, gopfridschtutz, ez langezmer denn!” konnte ich mir nicht ganz verkneifen. seit jenem abend nennen wir ihn schlicht ‘oliver’, denn in unserem hinterhof prangt schon seit ewigkeiten ein weisser graffitizug über den mülltonnen:

anfangs ein mythos, so meinte der norweger an jenem abend kühl, es sei wohl mittlerweile klar, an wen sich die botschaft richtete.

an einem mai-morgen begegnete ich oliver schließlich im hof – ihm und seinen zwei gleichaltrigen sowie gleichgriesgrämigen freunden. das war er, unmissverständlich! er zielte nämlich murmelnd mit einer kamera auf die mülltonnen und fauchte: “diese schweine, die!” seine freunde nickten zustimmend. er sagte, er würde diese sauordnung für alle welt festhalten. ich begriff in dem moment, dass oliver wohl kein leichtes leben hatte. sich immer so aufregen. das tut mir fast etwas leid. und klaus hat an jenem tag auch aufgehört, ihn anzubellen.

wir beschäftigen uns mit schönerem.

wir haben jetzt nämlich einen gefrierwürfel. monatelange dachten wir, man kommt gut ohne gefrohrenes zurecht. aber irgendwann merkt man, dass es doch ganz praktisch ist, wenn man so einen kleinen schrank besitzt, in dem auf mysteriöse weise minus achtzehn grad herrschen. zum beispiel müssen wir jetzt nicht immer ALLE erbsen auf einmal essen, und wir können jetzt auch mojito machen. ausserdem muss mein lieber mannzgoggel, sollte sich mein gesicht aufgrund einer reaktion nochmal zu einer art quasimoda verzerren, nicht wieder bei edeka unter stressschweissausbrüchen für eine gefrorene packung himbeeren schlange stehen, damit meine monsterfratze schnellst möglich gekühlt werden kann.

der würfel hat also viele vorteile. und wir freuen uns. so sehr, dass wir nach der arbeit als erstes kurz unseren kopf in den würfel stecken, um zu sehen, ob er auch wirklich noch funktioniert. bislang tut er still und schweigend seine arbeit. jetzt kaufen wir himbeeren, um daraus eiscreme zu zaubern (oder zitronenmascarpone-eis, oder kiwijogurt-eis). und den karton von der würfelverpackung haben wir auch fein-säuberlich in winzige stücke gefaltet, damit oliver keinen herzinfarkt erleiden muss.

manchmal gehen wir mit freunden pingpong spielen. es hat ja so unglaublich viele wahnsinnig grüne pärke in berlin. ich verstehe nicht, wie berlin im winter so grau und im sommer so grün sein kann! und so göppeln wir ab und zu, an schönen sonntagabenden,  mit dem velo ins freiluftkino in der “hasenheide” oder im “kunstquartier bethanien”. oder wir stolpern bei sonnenuntergang erstaunt über das gigantische sowjetische ehrenmal im treptower park. gestern fanden wir einen der wenigen noch zugelassenen pärke mit grill-erlaubnis und weihten unseren kleinen, pinken 8-euro-grill ein – auf der “thaiwiese” im preussenpark, dort wo sonntags die ganze rasenfläche von thailändern, vietnamesen und anderen asiaten auf wundersame weise in ein openair-restaurant umgewandelt wird und man angeblich das authentischste thai-essen überhaupt kriegt. gestern abend waren da aber nur vereinzelte private familienansammlungen – und nach sonnenuntergang, währenddem unser kleiner grill noch glücklich vor sich hinbrutzelte, kamen sie: die hasen. still und urplötzlich hoppelten sie aus den gebüschen um den park und arbeiteten sich leise zur mitte des rasens vor. es war wie bei alice im wunderland. plötzlich waren da zwanzig grasende hasen. überall. wie auf kommando. das war herrlich und hat mich total entzückt. letztens habe ich mich auch mit dem nashorn des berliner zoos angefreundet (ich nenne ihn karl). ja, und wenn ich tagsüber nicht gerade im museum wildfremden menschen erzähle, was der name von kennedys pony war, dann erkunde ich gerade am liebsten berlins seen. es gibt ja so viele! also eintauchen und plantschen.

so aufregend ist mein gefährlichens studentendasein also normalerweise. hasen, pingpong und oliver. sorgen machen muss sich da keiner. und übrigens, liebes omäli, ich war letztens auch wieder beim eisladen leckmich; du brauchst dich nicht vor der berliner schnauze zu fürchten. der eisdielenmann kann also durchaus auch freundlich sein. und überhaupt: berliner sind charmant. letztens trat ich aus versehen einem älteren herr an der kasse auf den fuss. ich entschuldigte mich natürlich umgehend. sein galanter kommentar? “ach wissen sie, das macht doch nichts – bei so einem schuhgewicht!”

das rätsel berlins ist also gelüftet, liebes ömelein. berlin ist riesig, unglaublich, wahnsinn, und es ist geschichtsträchtig, furchteinflössend, zum teil elends überfordernd. und manchmal gemein. aber meistens, meistens ist berlin wunderbar – und eigentlich ganz lieb.

3 thoughts on “ode an oma”

  1. Da kann ich nur sagen: “läckmich” hoffentlich kommt unser Berlinerli doch wieder mal zurück ins beschaulich-ruhig-friedvoll-langweilige Appizöll. Und, läckmir, soooo toll erzählt. Kuhhuss MaPa

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  2. Jö häsch denn du es herzigs Oemeli, säg, kenn i das au? Aber säb Oemeli cha sich au “von” schriebe mit sonere Enkelin!!!!

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A word with Frau Belli? Fire away!

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