die einsamkeit der vergangenen zukunft

2013-07-15 10.13.29

ich hab ihn. meinen heiss ersehnten ausländerausweis. im kreditkartenformat, inklusive chip – und mörderbrautfoto.

es war auch überhaupt nicht einfach, dieses kleine stück plastik zu kriegen; zuerst wusste ich ja die längste zeit überhaupt nicht, dass meine universität einen solchen ausweis von mir verlangt. dank drohender zwangsexmatrikulation erlitt ich ja dann einen tiefschürenden panikanfall – mein norweger fand mich übrigens an jenem abend heulend in der abgedunkelten badewanne vor. ich hatte endlich wohnung, job, studium, freunde UND den skandinavier hier – ich konnte das alles doch nicht wegen so etwas verlieren. die universität gewährte mir ein semester verlängerungsfrist – und das amt gab mir ein paar monate später einen termin, wo mir ja dann auch ein charmanter herr schweighöfer den erhalt des ausweis versprach.

letzten freitag, 12. juli, war endlich mein abholtermin – um neun uhr morgens. ich hatte mir FÜNF alarme gestellt – einen vor zwei wochen, einen vor einer woche, einen zwei tage zuvor, einen einen tag zuvor, und einen zwei stunden zuvor. das wort “AUSWEIS” erstrahlte an jenem tag sowohl in meinem handykalender sowie auch in meiner buchagenda – mit vielen, vielen ausrufezeichen. den termin zu verpassen konnte ich mir schlicht und einfach nicht leisten: es war der letzte tag des verlängerten semesters, und somit war es mein fester plan, den beamten meinen ausweis aus den händen zu reissen und mit ihm die ganze stadt im eiltempo zu durchqueren, um ihn unten im süden den sekretariatsangestellten eine stunde später ENDLICH vor die nase zu knallen. für dieses unternehmen hatte ich mir sogar frei genommen.

das war mein plan, ja.

zunächts lief ja auch alles – zur abwechslung – mal ganz tolll. ich war eine halbe stunde zu früh, berlin schlief noch, und ich genoss den spaziergang zum abgelegenen amtsgebäude. man läuft da über eine brücke mit blick auf den fluss und – in der ferne – den westhafen. es war warm, sommerlich, die luft morgenfrisch. in der ferne sah ich einen alten herr mit schneeweissem haar alleine auf einer schaukel am ufer. ich sog die luft ein und schaute ihm etwas zu. ein hund schoss bald aus den gebüschen und umsprang den schaukelnden mann. ich dachte: ich liebe diese stadt. alte leute schaukeln hier. das ist doch einfach grandios.

zwanzig meter vor dem amt zog ich dann meinen zettel aus der tasche, um mich der raumnummer zu vergewissern. ich war ruhig und gefasst. endlich konnten wird diese bürokratische lappalie aus der welt schaffen. raum b21. mein blick flog ganz kurz über das datum: 12.06.

12.06.

moment mal.

ich zählte die monate über meine fingerknöchel. und dann nochmal. juni. juli. junijuli. juli. ju-li. der siebte knöchel. NICHT der sechste. der siebte. die zahl auf dem zettel ist aber sechs. mein blick hob sich langsam vom papier. ich stand vor einem verriegelten, stillgelegten grauen betonklotz mit geschlossenen, dunklen fenstern. nur einen türsteher gab es, der mich gelangweilt äugte. klar – meine kleinen katastrophen kratzten den vermutlich wenig. der sah wohl den ganzen tag menschen, die nervenzusammenbrüche und wutanfälle und heulkrämpfe erlitten. tageintagaus. alltag.

ich wuselte schnurstracks auf ihn zu. “mein termin!” sagte ich. “der war vor einem monat!! was mach’ ich denn jetzt?!” ich hörte mich selbst und wusste, wie nachlässig ich klingen musste. diese studenten. dann können sie nicht mal ein datum lesen. der herr zuckte die schultern. “tja. wir ham heute geschlossen.” ja. das sehe ich. das kann ich sehr gut sehen. aber was MACHE ich. “kommen sie am montag um sieben wieder.” “ohne termin?” “ohne termin,” nickte er. “und das geht?” “das geht.”

mit hängendem haupt kroch ich davon. der schaukelnde mann war weg. das ufer war leer. der spaziergang fühlte sich lange an. die ubahn-fahrt zurück, den ganzen weg von norden nach süden, schien unendlich. ich rief die uni an – der freundliche mensch am telefon versicherte mir, das semester ginge technisch gesehen bis september, ich hätte zeit. na wenigstens etwas. und IRGENDWANN KRIEG ICH DEN. diesen doofen ausweis. den hol ich mir schon noch. das wäre doch gelacht. ich spreche dieselbe sprache. ich kann  touristen tips geben und den weg beschreiben. ich kann sogar ein bisschen berlinern. ausserdem sage ich ‘kotti’ und ‘görli’ und ich weiss auch, was eine schrippe und was eine stulle ist. jetzt WILL ICH diesen ausweis.

das wochenende kam und ging. ich arbeitete. gestern dann, montag, piepte mein wecker in aller herrgottsfrühe. ich schoss auf, tätigte eine blitzdusche und eilte auf die ubahn. wiedermal hoch in den norden. derselbe türsteher. “gehen sie einfach in den raum 130.” “einfach so?” “einfach so.” raum 130. eine kleine, junge, blonde angestellte stand da hinter einer glasscheibe, mit konsterniertem gesichtsausdruck. wieder hörte ich mich selbst, und wie doof und unordentlich ich klang. wenn die wüsste, dass ich meine sachen auf dem pult gerne linear anordne. ich bin ein organisationsmonster. aber hier klinge ich wie ein hippiestudent der gerne barfuss im park sonnentänze absolviert.

sie seufzt. sie zieht eine augenbraue hoch. es ist acht uhr. schmerzhaft langsam sie sieht sich um. dann sieht sie mir gerade ins gesicht. sie lächelt nicht. “ach, kommen sie um zwölf wieder.” wiebitte? “zwö-hölf. vor zwölf können wir leider nichts tun jetzt hier in der sprechstunde.” was denn für ne sprechstunde. mein ausweis liegt wohl direkt hinter der irgendwo in einer schublade. die ist doch einfach zu faul, um vor ihrem morgenkaffee irgendeine bewegung zu vollziehen. belli brodelt. belli schäumt geradezu. ich erleide einen innerlichen epiletischen anfall. ich werde für einen moment zum trotzgoof.

vier. ganze. stunden. ich erwog, die halbe stunde wieder nachhause zu fahren und zuhause auf der couch meine norwegisch vokabeln zu lernen, um dann um kurz nach elf den weg wieder anzutreten. dann realisierte ich, dass ich einen erneuten gang da hoch nicht ertragen würde. ich würde auf dem hinweg zweifelsohne implodieren. eine andere option musste her. ich musste mir etwas ankucken. ein museum. oder eine sehenswürdigkeit. die ungewohnte gegend erkunden. ich hatte ja ein buch dabei. ich könnte in einem hübschen café etwas lesen. ich musste die zeit irgendwie auf eine schöne, beruhigende, sinnstiftende art verbringen. es gab sicherlich tonnneweise sachen zu entdecken.

das anti-kriegsmuseum gleich um die ecke hatte geschlossen. so auch das zuckermuseum. ‘hübsche’ cafés sah ich weit und breit nicht. nur dönerbuden und standardisierte backfactories. eine ubahn-station weiter war auch nichts los – schlussendlich lag es wohl auch an der uhrzeit. berlin um 8:30 – ein wunder, dass man über der stadt nicht einen mystisch tiefsummenden, allgegenwärtigen, vereinten schnarchton vernimmt. ein blick auf die karte entfachte aber eine idee: das hansaviertel. das wollte ich mir ja eh schon lange einmal ansehen.

fest entschlossen, den tag in etwas gutes umzuwandeln, holte ich mir einen mitnehmkaffee und machte mich dann gemütlich auf den weg. ich hatte die morgensonne für mich allein, bis auf einen knallroten jogger, der sich am flussufer einsam in seltsamen positionen verbog. ich bestaunte das grüne berlin. ich lief durch einen dichten blättertunnel. dann durch ein viertel, das wunderschöne altbauten und palmen aufwies.  bald erreichte ich die vier, fünf hochhäuser, die an der nordgrenze des hansaviertels in die höhe ragen. bunt und ungewohnt und scheinbar mit dem tiefgrün des tiergartens verwachsen.

zu meinem erstaunen gab es keinerlei infotafeln. glücklicherweise wusste mein handy so einiges über dieses historische gebiet. das alte hansaviertel sah nämlich früher ganz anders aus – typische stadtblöcke, seite an seite, reihe für reihe, fassade an fassade, wie man es in anderen gegenden berlins noch zuhauf findet. hier aber waren die wohnbauten im zweiten weltkrieg dem erdboden gleichgemacht worden; die bomben hatten nichts übrig gelassen. dann kam der kalte krieg – und mit dem kalten krieg die trennung. auf der ostseite der stadt baute man in den 1950ern dann die kommunistische werbemeile, die zuerst stalin-allee hiess und dann auf karl-marx-allee umbenannt wurde. auf der bin ich ja schon zu beginn meiner berlinzeiten umhergeirrt – heute lebt eine meiner freundinnen in einem dieser prachtbauten; ihr hauseingang findet sich zwischen imposanten säulen.

die bewusste antwort des westens auf den östlichen protzboulevard war das hansaviertel: als ergebnis eines städtebauwettbewerbs zog man hier 1957 um die 35 gebäude aus dem boden; alle waren sie das werk von berühmten architekten (unter anderem egon eiermann oder alvar aalto) und alle waren sie als symbol der moderne zu sehen. sie sollten die stadt der zukunft in die gegenwart zaubern und dem osten beweisen, dass die westliche lebensart lebenswerter war. bunt, lichtdurchflutet und leicht sollten sie sein, die häuser – nicht wie in der karl-marx-allée. manchmal mehrstöckig als wohnungsblöcke, manchmal bungalow-artige einfamilienbauten, so waren sie frei und locker im viertel zerstreut. sie sollten zudem mit der grünen parkanlage verschmelzen und beruf und freizeit sowie privat und öffentlich klar trennen. es entstanden futuristische wohnhäuser, aber auch eine moderne kirche, ein grosser kindergarten, eine glaswandbücherei, eine kantige ubahn-station. auch ein gartenarchitekt war mit dabei. es zogen junge familien ein und das ehemals zerbombte schuttgebiet erwachte zu neuem, frischem leben.

“das hansavietel is’ hoffnungslos überaltert,” sagte der pfarrer. ich stand von buntem licht übergossen in der ungewohnt modernen kaiser-friedrich-gedächtniskirche. “dreissig prozent sind über siebzig jahre alt. in den siebzigern und achtzigern haben hier wohlhabende familien alles aufgekauft. jetzt ist alles privat, und alle sind alt. und gleichzeitig stehen alle gebäude unter denkmalschutz. man kann das alles gar nicht bezahlbar renovieren. geld is’ auch ke’ns mehr da.” ich bin bestürzt. all diese schönen bauten. die gläsernen 50er-jahre in 3D. man sollte hier ein freilauf-museum machen – eins, wo man in die häuser rein kann, sich die sachen anschauen darf. am liebsten würde ich gleich damit anfangen – aber der zugang zu den wohnungen ist natürlich verwehrt. “und dann die fenster, kuckn sie ma’,” fuhr das freundliche gesicht fort. “man wusste überhaupt nicht, wie bauen. die dünnen fenster – im METALLrahmen. metall! ich hab früher in so einer wohnung hier gelebt, das war im winter unausstehlich kalt, im sommer viel zu heiss.” ich fragte ihn, ob dies der grund sei, weshalb die kirche diese komischen geräusche machte. “ganz genau!” bekräftigte mich der mann. ich könne mir gar nicht vorstellen, wie unheimlich es manchmal sei, wenn er abends im dunkeln kämmerchen hier sitze und noch über die buchhaltung gehe. da mache das gebäude einen regelrechten krach, wie man das sonst nirgends hört.

wir unterhielten uns noch etwas mehr über die siedlung. wie überwachsen alles war. das unkraut wuchs überall zwischen den bodenplatten, auch am ubahnhof. alles war seltsam modern-veraltet und verlassen, totenstill. es machte mich fast ein bisschen traurig. heute gibt es keine richtige webseite. keine führungen. keine initiative. keinen plan. ein teil von mir wollte sich dem hansaviertelclub verschreiben. touren entwerfen. initiative ergreifen. das hier sollte doch kult sein. nicht ein beinahe stillgelegter ubahnhof.

aber dann, dann rückte der zeiger meiner uhr gegen zwölf. ich verliess den pfarrer, wie  auch vor langer zeit schon die gelder das viertel verlassen hatten. die ubahn ratterte und trug mich wieder hoch in den norden. ich trat die reise ein xtes mal an. wieder zimmer 130. wieder die blonde, miesgelaunte frau. sie drückte mir eine nummer in die hand. ich solle mich ins wartezimmer setzen. jetzt kommt das warten, dachte ich. noch mehr warten. aber diesmal nicht im hansaviertel. diesmal auf harten holzbänken vor einem display mit roten zahlen.

eine halbe stunde später leuchtete meine nummer. ich kam wieder in den raum mit der glaswand. die frau hatte sich in einen jungen mann umgewandelt. er tippte mit dem finger auf ein formular. “hier unterschreiben,” sagte er ohne begrüssung. ich gehorchte. er schob mir eine kleine plastikkarte entgegen. darauf war ich, griesgrämig und flach. ich sagte danke. er sagte “tschö!”

oh, du naives berlin. so einfach wirst du mich nicht los. und wenn du unfreundlich bist und mich zehnmal warten lässt, dann nutze ich halt die zeit, um noch mehr gründe zu entdecken, weshalb ich gerade lieber warten, als gehen würde.

3 thoughts on “die einsamkeit der vergangenen zukunft”

  1. Ja, GROSSES LACHEN, endlAch geschafft, mein kleines Wahlberlinerli !
    Aber auch GROSSES WEINEN, vergessene, verlorene, vergangene -zukünftige GEH GEH GeGenWart!
    Love Mom

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