leck mich – vielleicht später zum schmutzigen hobby

“ich les’ ihnen doch das jetzt nicht alles vor!” entrüstet sich der mann mittleren alters und stemmt seine arme protestierend in die seite. “dafür hab ich doch extra alles angeschrieben — UND bilder drauf gemacht!”
recht hat er ja. aber die kundin kontert trotzdem mit einem mir unverständlichen gegrummle.
“kardamon? nein!” entgegnet der herr, der offenbar fledermausohren besitzt. “das wollen sie gar nicht. sie mögen keinen kardamon. nicht, dass sie sich dann wieder beschweren kommen!”
die kundin grummelt leise weiter.
“wie jetzt, von der auch noch eine? wirklich?” widerwillig beugt sich der verkäufer vor und taucht den löffel in einen berg von himbeer-rose.

wir befinden uns vor einer kleinen theke voller selbstgemachter sommerfarben. die geschmacksrichtungen sind vielfältig: schwarzer sesam, limoncello, türkisches joghurt, maracuja, gebrannte mandel. eine kugel, ein euro, ein glückliches belli. wenn da nur die bilder an der wand nicht wären. drei davon. drei weinende kinder, die gesichter unter trotztränen verzerrt. unter jedem flennenden portrait ist eine goldene anschrift angebracht. die erste liest: “keine bunten streusel.” unter dem zweiten weinenden kind steht: “kein schlumpfeis.” und mit der dritten warnung, “keine rosa löffel”, geht auch der letzte kindertraum flöten. klarer könnte es nicht sein: hier, im “berlin homemade icecream” – übrigens mit der freundlichen domain http://www.leckmich.it –  ist eis essen kein spass, sondern eine ernstzunehmende angelegenheit.
“so ja, und sie da, sie?” der herr nickt mir zu. ich zucke zusammen. mir wird flau im magen.
“einmalchilischokoladebitteundhiergleichauchmeineuro!” stammle ich möglichst rasant, um den eiskönig nicht weiter zu verärgern. energisch wiederholt er meine bestellung, die dann blitzschnell auf der theke erscheint – in einer etwas zu lang geratenen waffel.

nach getaner bezahlung schleichen wir vorsichtig aus dem neuen nachbarschaftsladen, erleichtert und gleichzeitig gespannt. war es die ungewohnte behandlung wert? — die antwort ist ja. das eis ist einmalig, das chili auch tatsächlich scharf, und meine freundin ist auch von ihrer new-york-cheesecake-kugel überzeugt. und so sinken wir entspannt in die sonnenbeflutete wiese des kleistparks, wo (eislose) kinder toben und seltsame leute auf aufgespannten seilen zwischen bäumen balancieren.

mein block. ich habe ihn ja richtig vermisst. ein wochenende in wien und eine woche im eher kühlen skandinavien. beides war natürlich wunderbar und überhaupt, aber beide male kam ich nachhause, und fühlte das erste mal eben das: ich komme nachhause. in’s schöne schöneberg. inklusive berliner schnauze (ein offizieller begriff, der sogar bei wikipedia erläutert wird).

was ich daran so toll finde?

in der glitzernden “bar zum schmutzigen hobby” – eine ebenfalls typisch berlinerische erscheinung – mit freunden das finale von germany’s next topmodel gucken. die wände sind bepflastert mit nackten männern und einem jungen michael jackson, und die bezaubernde drag queen nina queer legt den models durchs mikrofon ihre eigenen (oft eher schockierenden) worte in den mund.

mal sehen, was es mit diesem mittlerweile legendären “street food thursday” auf sich hat und so einen abend lange inmitten einer unbändigen menschenmasse in eine ganze welt von internationalen ‘bürgersteig-delikatessen’ eintauchen. von englischem chicken-pie und geräuchertem lachs über taiwanesische burger bis hin zu japanischen schokoladenwaffeln in form eines fisches – alles findet man, und alles ist fast gänzlich himmlisch.

oder, ganz einfach, an der spree in mitte in einem liegestuhl mit blick auf die museumsinsel hängen und den flachen stadtschiffen beim vorbeituckern zusehen. oder mit dem velo durch die gegend kurven und immer neues entdecken. hier flimmert der schriftzug der bar “mädchen ohne abitur” – vielleicht mal ausprobieren? da kraxeln muskulöse supermenschen an meterhohen kletterwänden hoch zu einem ausblick über die stadt. vielleicht lieber nicht ausprobieren. aha, hier kriegt man kochkurse zum thema “vergessene gerichte”, da einen zur persischen küche, und dort einen zu süsswasserfischen. vielleicht mal universitäts-tennis in dahlem für acht euro die stunde, ja gerne (die universität bietet überdies natürlich auch balkanbeats-pilates, sieben verschiedene yogasorten, windsurfcamps, “kanu eskimotieren” oder gerne auch irischen tanz). freiluftkino im kunstquartier bethanien – mit gratis deckenverleih und weinchen, immer doch. oder einfach im park nebenan ping pong spielen gehen.

klarer fall: zu tun und zu sehen gibt es hier jedenfalls immer genug. abends, nach getaner arbeit, fängt die welt erst an. berlin, eine strassenstadt – sie bietet alles für wenig. und wenn ich dafür ab und zu mit etwas berliner schnauze klarkommen muss, dann geht das auch in ordnung.

ich meine — eine kugel hausgemachtes spezialeis für einen euro. jetzt mal im ernst. meinetwegen darf der eisdielenmann da gerne für mich entscheiden, ob ich jetzt kardamon kriege – oder halt eben nicht.

6 thoughts on “leck mich – vielleicht später zum schmutzigen hobby”

A word with Frau Belli? Fire away!

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s