müll-trennungsschmerz

ich dachte immer, die schweizer sind ein super recycling-völkchen. ich war ja insgeheim immer so stolz. wir sind PET-weltmeister! wir verbessern die WELT! wir schweizer – wir wissen, wie’s geht! ricola!

oder vielleicht doch nicht so wirklich. denn wenn man hier “PET” sagt, weiss erstmal gar niemand, wovon man spricht. hier sagt man phe-e-the. das alles ist hier sowieso viel ausgeklügelter. und überhaupt ist mir die deutsche mülltrennung bis heute ein rätsel.

ich hatte ja auch einen wirklich schwierigen start: meine ehemalige mitbewohnerin, die mich gewissenhaft in das geheimnis der mülltrennung einzuweihen versuchte, hatte so eine ominöse, grosse, weisse tasche. und diese tasche, die machte das abfallprozedere für mich von anfang an sehr undurchsichtig, denn darin wurde einfach ALLES gesammelt. der ganze gerümpel – zerquetschte dosen, milch-tetras, plastikverpackungen, spreewaldgurkengläser,  joghurtbecher, oder auch bier- und weinflaschen, zeitungen, bis hin zu gebrauchten nastüechli — alles.

NUR nicht “abfall.” was da aber überhaupt noch als abfall gilt, ist mir bis heute unerklärlich (da “kompost” nämlich auch getrennt wird, separat, versteht sich). jedenfalls stand ich damals öfters verwirrt vor der schier unüberwindbar scheinenden aufgabe, das hiesige mülltrennungs-system zu durchschauen. abfall oder weisse tüte? weisse tüte oder abfall? oftmals wanderte etwas, das ich zuvor nach langer und mühseliger entscheidungsarbeit schlussendlich als ABFALL eingestuft hatte, auf magische weise später in die WEISSE TÜTE – oder umgekehrt. nie erfuhr ich, wieso. das waren dann besonders frustrierende erlebnisse, an denen ich heute noch mental arbeite.

wie dem auch sei, das war ja erst stufe eins. stufe zwei: die weiterverarbeitung. jeder berliner hinterhof besitzt eine MENGE an mülltonnen. da ist die schwarze mülltonne. meistens gibt es davon zwei. dann gibt es die gelbe. die blaue. und dann noch eine weitere schwarze, die aber nicht wie die erste sorte schwarzer tonnen funktioniert, sondern anders. auf alle fälle habe ich viel zeit vor und mit diesen tonnen verbracht. sie alle haben ihren zweck. am schwierigsten ist die gelbe – nachts träume ich von der.

in letzter zeit häufen sich die mülltonnenträume. denn in unserem neuen haus, da wird die mülltrennung ganz besonders ernst genommen. hier, im idyllischen, schönen schöneberg, wo morgens keine kotze am boden klebt, hier wird auch ordentlich müll getrennt, und zwar richtig. und wenn es jemand falsch macht, dann wird anonym darauf hingewiesen. alles, was man auf die falsche weise oder am falschen ort entsorgt, wird einem kommentarlos mitten auf die treppe geknallt. einige sachen sind da auch schon aus unserer abfallsammlung aufgetaucht – die müssen wir dann erröttet und beschämt zurück in die wohnung schleppen und rätseln, was denn jetzt wieder nicht richtig war. ich frage berliner. ich frage meine freunde. ich erkundige mich bei google. sogar meine vorgesetzten frage ich, denn ich bin verzweifelt. aber niemand weiss es so genau.

letztens haben wir einen anonymen brief erhalten. “aus gegebenem anlass” wird darin aufgefordert, den hinterhof im sinne der mietergemeinschaft sauber zu halten.

mittlerweile fühle ich mich regelrecht beobachtet. es ist, als hätten die fenster augen. immer, wenn ich etwas wegwerfe, sehe ich mich nach beendigung meines mutmasslichen verbrechens um. und nie sehe ich jemanden.

aber jetzt haben wir wenigstens eine spur. denn gestern morgen wollte der norweger einmal mehr papier und karton (“pappe”) entsorgen. wir wissen: papier und pappe, blaue tonne. er sagt er habe auch alles richtig schön zerstückelt und in fetzchenform in der richtigen tonne mit der richtigen farbe entsorgt. damit auch ja keine grossen teile aus der tonne ragen. und dennoch ging an diesem morgen schwungvoll ein fenster auf. ein älterer herr soll griesgrämig in lautem tonfall auf berlinerisch lange reden gefaucht haben. mein norweger, der sich gerade im deutsch-stadium eines kleinkindes befindet, wusste nicht, wie ihm geschah. er würde es ja gerne richtig machen. wir ALLE würden es ja SO gerne RICHTIG machen!

angeblich beugte sich der erzürnte mann weit aus dem fenster, als sich der schüchterne herr skandinavien schlussendlich irritiert für einen rückzug entschied (und er hatte noch nicht einmal alles entsorgt, was er zu entsorgen hatte). erst verschanzte er sich alleine in der wohnung, wo er mir erschüttert eine not-sms zuschickte. später verliess er die gemächer panikartig, denn er fürchtete sich plötzlich vor einem unangenehmen besuch unseres abfall-stalkers.

heute erhalten wir sicher wieder einen brief. und wenn dem so ist, dann weiss ich wenigstens aber sofort, wem ICH als nächstes ein bsüechli abstatte. let the müll-krieg begin.

PS: vielen dank an den lieben B. für den vorschlag des titels ;)

7 thoughts on “müll-trennungsschmerz”

  1. Wenn denn das nöd de Hammer isch, bruucht jo es mege Selbschtwertgfühl überhaupt no öffentlich uf z’trete. Los em Skandinavier mis Mitgfühl gschpüre!

    Like

  2. Ps, het mir ä Dütschi letsti verrohte: Wenns so än lustige “grüner Punkt” drufhet, aso so äs grüne-wisses pseudo-Ying-Yang, denn wirds recyclet und isch nöd Abfall, chunt aso i di gäli (?) Tonne ;-)

    Like

  3. Wennd wötsch chani mol mini neu Mitbewohnerin froge, die isch dütschi ;-) Oder euen fründliche Nochber git sicher gern uskunft ;-)

    Like

A word with Frau Belli? Fire away!

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s