wir brauchen dann noch ihr visum

ich weiss, ich weiss. wochenlange habe ich nicht geschrieben. weil ich nämlich zutiefst mit dem zusammensetzen von ikeapuzzles beschäftigt war. mit dem hochhieven von möbeln. und mit den lieferproblemen von waschmaschinen, kühlschränken, oder internet-modems. und dann mit den lieferproblemen von schläuchen oder kabeln oder schrauben, die im nachhinein noch nachbestellt werden mussten.

wenn man eine lieferung verpasst – was ja mit arbeit und uni doch öfters vorkommt – dann  findet man das päckchen wo anders. GANZ wo anders. nur ganz sicherlich NICHT bei der post – sondern vielleicht bei kaiser´s. oder beim fotoshop dreiundvierzig strassen weiter. das lässt sich nie so genau vorauskalkulieren. im schlimmsten fall befindet sich das paket dort, wo es ursprünglich hergekommen ist. so ergeben sich im alltag also viele kleine, zunächst unfreiwillige touren, die dann aber ausnahmslos in spontane entdeckungsreisen münden.

so durfte ich überrascht feststellen, dass sich im schöneberger-rathaus um die ecke ein versteckter paternoster-aufzug befindet. diese alte art von lift, die keine türen hat und unaufhörlich, ohne anzuhalten, mehr oder minder langsam auf und ab reist. vor geraumer zeit wurde mir das erste mal ein exemplar dieser kuriosen seltenheit in bern gezeigt — und ich war begeistert. jetzt habe ich eins dieser dinger in der nähe: die begeisterung hält an. nur die beamten, die finden das konstante auf- und abgehüpfe in begleitung von entzückten belli-geräuschen nicht so formidabel.

schöneberg hat aber mehr zu bieten als einen antiken paternoster und noch antikere beamte. im nachbarshaus hat es eine kleine boulangerie; die bedienung kommt in form einer ehemaligen ballerina (da bin ich mir sicher), die im hinterraum heimlich zu klassischer musik übungen macht. manchmal sieht man die silhouette eines ausgestreckten beins durch den türrahmen. in der „kaffeestube sorgenfrei“ aufersteht das wohnzimmer der 50er-jahre bis ins detail. am winterfeldplatz muss man bei der bar „the green door“ an der türe klopfen, um reinzukommen. und über käsemangel kann ich mich als appenzellerin auch nicht beklagen: die akazienstrasse beherbergt haufenweise delikatessenläden. allerhand käse – ja -, und dazu noch weine, eingelegte oliven, oder spezialmehl für pasta. und als wäre das nicht genug: sowohl um die ecke links, wie auch um die ecke rechts, gibt es jeweils eine chocolaterie. sogar einen luxemburgerli-fälscher habe ich auch entdeckt, der heisst „makrönchen“ und ist vorzüglich bunt.

schöneberg ist nicht kreuzberg. wenn ich am samstagmorgen um zehn zur arbeit hüpfe, begegne ich unterwegs keinen nachtschwärmern, die sich noch immer im ausgang (und nicht etwa auf dem nachhauseweg!) befinden. es riecht auch meistens nicht  nach leckerem kreuzberg-döner. die schönebergerluft erzählt  von frisch gebackenem brot und holzofen-pizzerien. es lässt sich hier weniger leicht bis in die späten morgenstunden zu blitzlicht tanzen – dafür aber leichter zur ruhe kommen.

dachte ich. bis zu genau folgendem zeitpunkt:

“wir brauchen dann noch ihr visum.“

was. für. ein. visum.

WAS FÜR EIN VISUM!!!

ich meine: was bitteschön für ein visum??

ich brauche kein visum. ich bin ja schliesslich schweizerin und halte der angestellten des universitätssekretariats selbstgefällig meine ID hin. diese nennt sich übrigens hier schlicht „ausweis“, was mir nach einem herzlichen lachanfall einer deutschen freundin erklärt wurde. („ach,” sagte sie, “das ist so schweizerisch.“).

„ja eben. sie sind schweizerin. VISUM.“ ob sie sich auch sicher sei, frage ich nun etwas zögerlicher. ich bin schliesslich beim bürgeramt angemeldet. ich habe arbeit, bankkonto, grünstromvertrag und ausserdem liegt bereits ein semester hinter mir. niemand hat zu irgendeinem zeitpunkt jemals etwas von einem visum gesagt. ich wüsste das. schliesslich bin ich checklistensüchtig und ordnungsliebend. aber nein. frisch fröhlich habe ich die monate so mit umherwuseln und einleben verstreichen lassen. In dieser zeit hätte ich, wäre ich informiert worden, auch andere sachen machen können. ZUM BEISPIEL EIN VISUM BEANTRAGEN.

sie äugt mich kritisch. „bis nächsten monat. wir warten schon seit august letzten jahres. ansonsten werden sie exmatrikuliert.“

etwas konsterniert rufe ich als erstes mal kurz bei der schweizer botschaft an. ich fühle mich kindisch, als würde ich flennend zu mami rennen. die telefondame sagt grüezi und ich will ihr laut schluchzend um den hals fallen. “nai, si bruuched kai visum,” sagt sie mit ruhiger stimme. ich atme auf. “sie bruuchet en usländerufenthalzbewiligung.” das ding erhalten sie beim ausländeramt der stadt berlin.

worte, die in meinen ohren nach asyl klingen. ich schlucke leer. monate im voraus ausgebucht seien die ämter, sagt sie. und nach dem „vorsprechen,“ wie das genannt wird, daure die ausstellung der bewilligung weitere sechs bis acht wochen. wie äusserst entmutigend. dies vorallem darum, weil mir die uni noch ungefähr dreissig tage zeit gibt.

die termine muss man online machen. ich fuchtle verzweifelt auf meinem handy umher – da zuhause noch immer kein internetanschluss –  und versuche, das wichtigste kleingeschriebene tölpelhaft auf dem für dieses anliegen viel zu kleinen display heranzuzoomen. multiple wutanfälle in der s-bahn. dann die bestätigung: den frühesten termin gibt es ende april. das heisst, den eigentlichen ausweis gibt es dann so zirka im juni.

das sind ja nur ungefähr drei monate verspätung. mit dem grosszügigen ruf, den die deutsche bürokratie geniesst, sollte das ja ein kinderspiel sein. ich erahne grosse schwierigkeiten. mit meinem charme komme ich bei diesen beamten sicher nicht weit. ich beginne also, notanrufe zu machen. ich will nicht exmatrikuliert werden. ich bin ja zum studieren hierher gekommen. ich mag mich nicht nochmal für alles bewerben.

aber leider nein. es gibt keine früheren notfalltermine, keine wartelisten, nichts. stellen sie sich hinten an, wie alle anderen auch. das ist natürlich gerecht so, das verstehe ich ja auch.

am ende wähle ich die nummer des “allgemeinen studierendenausschlusses” – der offiziellen studierendenvertretung, die sich für leute wie mich einsetzen soll. ich bitte um ein “telefonisches beratungsgespräch für ausländer”. ich werde mehrmals auf einen wartemodus gestellt, der im abstand von mehreren sekunden sagt: bitte warten. bitte warten. bitte warten.

dann ist sie zurück, die bellikämpferin. “frau belli*,” sagt sie, “die frist wird für sie um ein semester verlängert. reichen sie den ausweis aber bitte so bald als möglich ein.” wieder einmal will ich weinen. diesmal jedoch vor erleichterung.

die moral von der geschicht: die deutsche bürokratie ist also gar nicht so streng, wie sie sich gibt. und mal in die haut eines ausländers schlüpfen zu müssen, das schadet ehrlich gesagt auch niemandem.

mir hat es zumindest einmal mehr bewusst gemacht: ich will hier sein. genau hier. inmitten all dieser (höchst flachen) berge – schöneberg, kreuzberg, prenzlauerberg. so alpin wie das klingt fühle ich mich wohl. und den ersten termin beim ausländeramt, den nehme ich darum dankend an.

* name von der redaktion geändert ;)

5 thoughts on “wir brauchen dann noch ihr visum”

  1. So was Verrücktes, also selbst als Altmeister hätte ich Vögel bekommen bei so einem Aufwand, Stress pur, oder? Mail folgt noch heute!!

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