einmal ovi mit schirmchen, bitte

ein vierteljahr ist´s her, seitdem ich an einem späten septembernachmittag mit meinen zwei koffern in diese stadt gespült wurde. kaum zu glauben! da war ich noch jung und es war  noch frühherbstlich warm und man konnte berlin abenteuerlich mit dem flohmarktsvelo erkunden. die ersten vierzehn tage habe ich dazumal kaum ein wölkchen gesehen. die guten alten zeiten. der himmel tiefblau, die bäume satt und grün. und dann, etwas später, feurig rot. aber auf jeden fall farbenfroh, mit kreuzberger döner-duft in der nase, mit sonnenuntergängen und bücherwäldern und bergtouren.

und jetzt ist alles grau. grau die strassen, grau die unappetitlich tiefhängende wolkensuppe, und manchmal sogar die luft. hundskalt ist es auch.

ein eisiger wind peitscht durch die verlassenen alleen und ubahn-schächte. da möchte man am liebsten morgens einfach in der decke eingemummelt im kuschelwarmen bettchen verweilen. menschen ohne dach und bett kauern ja, wie ich heute morgen früh feststellen durfte, auch am 23. dezember noch in den ecken der kahlen bankautomaten-räume – währenddem alle andern, mich mit eingeschlossen, ihren weihnachtseinkauf erledigen und sich über zu schwere einkaufstaschen beklagen. da friert es einen ja noch mehr, wenn man sich das mal so richtig überlegt. Continue reading “einmal ovi mit schirmchen, bitte”

von zeitkapseln und glücksmomenten

dieser blog-beitrag gewann am festival strange magic der sophiensæle im november 2013 einen platz im “strange magic of berlin-booklet” und wurde auf iheartberlin.de publiziert.

berlin ist oft genau so, wie man will, dass es ist.

je nach blickwinkel ist es gigantisch, einengend, rau, düster. manchmal brutal. an diesen tagen sind die ubahn-wagen kleine blecherne gefängnisse, in denen die eingepferchten massen widerwillig und holpernd durch den dunklen untergrund gekarrt werden. fast wie in “metropolis” strömen sie nach ihrer ankunft seelenlos durch die automatischen türen die schächte hoch an ihren zielort. and diesen tagen gehen bettler durch die passagierreihen, deren zerlumpte kleidung von strassendreck zutiefst geschwärzt ist. manchmal haben sie eingetrocknetes blut am hals und an den fingern. an diesen tagen wenden sich die leute still von der ausgestreckten hand ab.

an anderen tagen ist die stadt weit und offen, mit viel luft in den breiten strassen und alleen, mit abertausenden von türen, deren schlösser mühelos mit einem hauch aufklicken.

an diesen tagen ist die ubahn eine kleine magische zeitkapsel, mit deren hilfe man mit schwindelerregender geschwindigkeit an tausend unbekannten orten auftauchen kann.

mal zu einem kalten winterspaziergang vor der zukünftigen wohnung, mal vor dem computerspielemuseum, mal vor dem lieblingskebabstand (an dem ein “gemüsekebab” keineswegs vegetarisch ist. dazu muss man selbstverständlich einen “vegetarischen kebab” bestellen – wie man jedoch erst im nachhinein lernt). je nach laune spuckt einen die ubahn vor der weltzeituhr oder dem tränenpalast aus. manchmal vor gigantischen bibliotheken. verdächtig oft auch einfach am kotti.

an solchen tagen sieht man dann auch einen jungen vater mit der kleinen tochter bellend (sie hoch, er tief) durch die strassen hüpfen, und fragt sich nicht wieso. oder der currywurst-verkäufer meint, er hätte auf so eine grosse note (20 euro) kein rückgeld, aber er vertraue darauf, dass man irgendwann sonst mal die 1.35 vorbei bringe. an solchen tagen ist man manchmal selbst mit einer flasche wein unter den arm geklemmt unterwegs – vielleicht zu einem von östrogen überquillenden weiberabend in einer warmen küche irgendwo in neukölln. oder – wie heute – zu einem der vielen berliner weihnachtsmärkte.

an diesen tagen haben die menschen dann auch ein bisschen kleingeld, das sie in die ausgestreckten hände drücken.

und diese tage häufen sich zum glück gerade sehr.