Frau Belli erleidet einen Kulturschock: Teil 2

Graffiti
“Bestätigen Sie, dass Sie keine Maschine sind”. Graffiti, Berlin.

3.5 Millionen Menschen leben in Berlin.

Auf einem Quadratkilometer tummeln sich durchschnittlich fast viertausend Einwohner. Im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg sind es sogar zwölftausend. Damit ist die Stadt die zweitgrößte Europas.

Berlin hat 20 verschiedene Hochschulen. 175 Museen. 300 Kinosäle. Darüber hinaus gibt es hier 4650 Restaurants, 900 Bars, und fast 200 Clubs. Außerdem – ein höchst interessanter Fakt – soll Berlin mehr Dönerläden beherbergen als Istanbul. Gefühlte siebentausend davon befinden sich hier gleich um die Ecke, und alle riechen himmlisch.

Es ist ja nicht so, dass ich noch nie zuvor in einer Großtadt war. Auch Berlin habe ich vor meinem Umzug hierher mehrmals besucht. Aber Urlaub, das durfte ich die letzten Wochen feststellen, ist schon was anderes als Alltag.

Ziemlich unerwartet fühlte sich dieser massive Menschenknäuel hier die letzten Wochen plötzlich nicht mehr so ganz nach Spaß an, sondern eher wie ein ungemütlicher Tag auf auf der arktischen Hochsee. Hält man mal kurz den kleinen Zeh rein, so als Jux, ist das ja lustig. Wirft man sich mit Leib und Seele in die Wogen,  führt es zu einer Art Schockstarre. Bevor man sich dann endlich an die Oberfläche zurück kämpfen kann, hält der Herzschlag inne.

Berlin ist faszinierend.

Wand
Schnaps ist Liebe. Wand, Berlin.

Ich liebe diese Stadt! Nicht umsonst zieht es jedes Jahr Tausende von neuen Bewohnern hierher. Aber berlin ist auch eine fordernde Stadt.

Das günstige Glas Wein für 3 Euro und das Kinoticket für 6.50 ist  erschwinglich, solange man im Körper eines durchschnittlich verdienenden Schweizers steckt. Ich kenne das: Freude herrscht!

Verdient man aber pro Stunde 6 Euro oder weniger – was hier, wie ich nun aus eigener Erfahrung sagen kann, durchaus besonders in gastronomischen Betrieben keine Seltenheit ist – so kann einem dies schon mal kurz die Luft abschnüren. Am ende eines Arbeitstages 40 Euro auf die Hand kriegen – das sind andere Zahlen, als es sich Schweizerohren gewohnt sind.

Fast 15 Prozent der Einwohner sind von Armut bedroht.

Jeden Tag sehe ich Bettler und Junkies. In Massen! Zugegeben ballt sich diese Gesellschaftsgruppe im Raum Kreuzberg und Friedrichshein. Ich sehe junge Menschen, die ganz offensichtlich nie einen Besuch beim Zahnarzt abstatten durften, die schon mit zwanzig die Zähne eines vierzigjährigen Bauern aus dem 16. Jahrhundert besitzen.

Fast jede U-Bahnfahrt wird lautstark begleitet von mindestens einem Musikanten oder einem obdachlosen Zeitschriftenverkäufer; manchmal kann es passieren, dass von jeder Kategorie einer den Wagen betritt. Sie wollen sich gegenseitig über die Köpfe der Passagiere hinweg übertönen.

Die Kleinverdienerjobs für Studenten werden hier oft gar nicht ausgeschrieben. Ein Arbeitgeber braucht nicht nach Angestellten zu suchen. Als Suchender geht man einfach ins Lokal und fragt vor Ort direkt, ob Arbeit zu haben ist. Verträge gibt es auf diesem Level soweit ich bislang sehen kann kaum. (Ich werde aber gerne eines besseren belehrt!)

In Berlin leben angeblich rund 20.000 Künstler.

Graffiti
Herzenwand, Berlin.

Fast jede Wand ist nicht nur eine Wand, sondern eine Leinwand – Voller Farben, Botschaften, Inspiration. Es gibt Millionen von kleinen Ecken; die sind versteckt und geheimnisvoll und toll. Berlin ist eine Stadt der Hinterhöfe; fast jedes Gebäude hat einen; reich an Pflanzen und Kindern und, manchmal, Stille vernab vom Verkehr.

Der Kuhdamm war einmal der internationale, bunte, belebte Broadway Europas. Danach wurde die Stadt fast komplett in Schutt und Asche gelegt. Zuletzt waren die Bewohner Berlins beinahe 40 Jahre durch eine Mauer getrennt, in deren sogenannter ‘Todeszone’ flüchtende Menschen im Kugelhagel verbluteten. Erst 1989 fiel die Mauer; das bedeutet, dass sich Berlin seit lediglich etwas mehr als 20 Jahren von seinem jahrzehntelangen Schrecken erholt.

Wand
How long is now? Graffiti, Berlin.

Die Stadt ist jung und dennoch unendlich alt. Sie trägt bereits so viel Geschichte in ihren Knochen. Sie ist weit und schön.

Und mittendrin steckt Frau Belli. Der Kulturschock, der sich bereits vor einer Weile abzeichnete, macht sich prächtig. Langsam aber taut die Dame wieder auf aus ihrer Starre und denkt sich: Das geht schon. 3.5 Millionen andere kriegens ja auch hin. Ein paar Duzend davon kenne ich bereits und denen geht’s ja ähnlich.

Wir machen alle verwirrte Mitternachtsspaziergänge. Wir rufen einander an in panischen Momenten der Orientierungslosigkeit. Wir machen zusammen immer wieder kleine Entdeckungen; das ist wunderbar. Viele kleine Inseln in der arktischen See. Mit ein bisschen Plattentektonik schaffen wir’s vielleicht zur Kreation eines neuen Berliner Kontinents.

 

Merken

Merken

Merken

Merken

6 thoughts on “Frau Belli erleidet einen Kulturschock: Teil 2”

  1. Zum guten Glück kannst Du sehr gut schwimmen, und nie vergessen, es liegen für Dich auch immer Schwimmwesten parat – einfach den roten Panic-Button drücken und Deine Rettungsschwimmer werden aktiviert.
    Love Möllefrau

    Like

  2. Ich will auch zu deinen Besten gehören. Ein so lebendiger Bericht, wenn ich dann mal nach Berlin komme fühle ich mich sicher schon fast zu Hause. Freue mich auf ein Wiedersehen. drugg bis dann! Auch love!!!!!L

    Like

A word with Frau Belli? Fire away!

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s