Studientag 1: Frau Belli schmeißt ihr Studium

Wand
Einsame U-Bahnwände, Berliner Untergrund

Der erste Tag des Masterstudiengangs ist geschafft. Und eigentlich bleibt nur noch eines zu sagen: Man hoffe, die bevorstehenden Semester verlaufen… anders. Eine Tagesbilanz.

Ich hatte alles fein säuberlich vorbereitet. Denn schon vor dem Studienbeginn, für den ja am 15. September nach Berlin umgesiedelt wurde,  war mir klar: Da musste Organisation her! Und Organisation, das ist Frau Bellis Lieblingswort. Also wurde gepackt. Geplant. Stifte hier. Notizblock da. U-Bahnverbindungen in der Tasche. Die Nummern der Seminarräume notiert. Alles gesammelt, an einem Ort: Auf mir. Es konnte nur gut kommen!

Doch dann stellte sich heraus, dass dieser eine Montag ein richtiger Montag war. So einer, der meine Halsschlagader anschwellen ließ, bis ich glaubte, vor lauter angestauter Grummeligkeit in Ohnmacht zu fallen. Ein Montag, an dem mich alles nervte – bis hin zu der Tatsache, dass mich alles nervte.

Es begann schon mit der U-Bahn.

Denn am Morgen früh stieg ich ein…

… und fuhr auf geradem Wege direkt ins Depot. Ich hatte es geschafft, mental wegzunicken und einzuschlafen. Das spätabendliche Kellnern als Röschti-servierende Heidi macht mir wohl etwas zu schaffen.

Zu mir kam ich wieder da, irgendwo im Berliner Untergrund, wo die Bahn dann einfach so steht, ohne einen Wank zu machen. Da, wo sie die Lüftung ausschalten. Da, wo auch die Türen nicht aufgehen und sich keine anderen Passagiere mehr in den Waggons befinden. Wände und Dunkelheit so weit das Auge reicht.

Ich muss zugeben, ich wurde ein wenig… panisch. Plötzlich war ich froh, dass heutzutage in jeder Ecke eine  Kamera klebt. Nur half das herzlich wenig. Etwas unbeholfen starrte ich in eines der elektronischen Augen und sah nichts zurückblicken.

Irgendwann kam eine Angestellte der U-Bahn zufällig am Wagen vorbeigelatscht. Für einen kleinen Moment war ich erleichtert – nur leider klopfte die vermeintliche Retterin lediglich an die Türe und schrie in einem äußerst griesgrämigen Ton:

“Einfach drinne bleiben!”

Ich begann, zu schwitzen. Vielen herzlichen Dank auch für den nützlichen Ratschlag. Besonders, weil mir die zahlreichen anderen Handlungsoptionen die Wahl unsäglich erschwert hatten. Doch bevor ich sie anflehen konnte, mich zu befreien, war die charmante Dame auch schon wieder weg.

Nach bestimmt zwei weiteren Ewigkeiten flog die Lüftung wieder an und die Bahn rollte mörderisch langsam, genüßlich, zäh zurück zur letzten Haltestelle. Ich purzelte etwas mitgenommen zurück in die Zivilisation, um kurz etwas Luft zu holen, bevor ich wohl oder übel die nächste Fahrt antreten würde.

Unerwarteterweise wurde ich an diesem schicksalshaften Bahnsteig von einer finnischen Mitstudentin aufgelesen und emotional aufgepäppelt. Schnell stellte sich heraus, dass sie in den selben Kurs wollte und ebenfalls zu spät war. Ich bin noch selten so froh gewesen, irgendjemanden bei mir zu haben.

Für eine Weile schien nun alles besser zu werden.

Mit Leichtigkeit fanden wir das richtige Gebäude sowie den richtigen Raum. Mehr noch, die Veranstaltung hatte noch gar nicht begonnen, da hierzulande, wie ich lerne, die meisten Kurse automatisch immer “cum tempore” beginnen – das heißt, mit einer zuvor längst  einkalkulierten Verspätung von 15 Minuten. Steht da also, das Seminar beginne um 10 Uhr, so fängt es in Wirklichkeit um 10:15 Uhr an – sofern die Abkürzung “c.t.” hinter der Uhrzeit steht. Merkt euch das!

Denn das wusste ich natürlich nicht, weil mir dieses Phänomen in der Schweiz selbstverständlich nie begegnet ist. Die Frage nach dem Weshalb erübrigt sich.

Cum tempore hin oder her: Ich hatte also allmählich das Gefühl, der Tag sei gerettet.

Oh, Frau Belli. Wie konntest du nur so naïv sein? Es stand dir noch so viel bevor. So viel!

Der erste Kurs ging zwar glatt von der Bühne – aber dafür fand ich den zweiten gar nicht erst.

D r e i  Stunden irrte Frau Belli aus verschiedensten Gründen auf dem Campus, der sich übrigens über mehrere U-Bahnstationen hinweg erstreckt, umher. An einem Punkt befand ich mich sogar in einem Stück Wald. Um nicht zu sagen, Urwald. So glaubt mir doch! Ich habe es zur Dokumentation festgehalten. Hier:

Wald
Urwald, Dahlem, Berlin.

Das weitaus problematischste topografische Element des Campus ist jedoch nicht der Wald, sondern das Hauptgebäude. Darin heißen die Korridore nicht nicht etwa “Korridore”, sondern “Straßen”. Und das sind sie auch.

Straße K, Straße L, Straße J. Auf ihnen brausen Tausende von Studenten vom einen zum anderen Saal. Und die Querstrassen, die sind nummeriert. Die neundundzwanzigste, die dreißigste, die einunddreißigste – fast wie in New York. Jedoch hilft dieses durchschaubare System nicht, wenn es tatsächlich nirgends einen Gebäudeplan mit nummerierten Räumen zu finden gibt.

So kam es also, dass ich wildfremde Leute um Hilfe bitten musste, die mir dann aber auch nicht helfen konnten.

“Raum 340? Den gibt es nicht.”
Oder: “An welcher Straße ist der?”
Ja himmelherrgott, genau das weiß ich ja nicht.
“Also, ohne Straße geht das gar nicht. Tut mir leid.”

Ich verpasste meinen zweiten Kurs. Vielleicht war ein Masterstudiengang ja doch nichts für mich. Vielleicht würde ich einfach beim Kellnern bleiben. Vielleicht sollte ich das Ganze kurz und schmerzvoll sofort beenden. Es blieb mir jedenfalls nichts anderes, als Kehrt zu machen und mich auf den Heimweg zu begeben.

Ich nahm mir vor, peinlichst genau darauf zu achten, nicht wieder einzuschlafen.

Stattdessen wählte ich noch einmal die falsche U-Bahn. Reden wir nicht darüber.

Katze
Prinz Neo, Berlin

Irgendwann tauchte mein heißgeliebtes Kotti auf, und mit ihm mein  Zuhause. Da starrte mir überraschend eine gehörige portion Fluff entgegen – ein fetter, knallgrauer Fellknäuel mit wachsamen, orange-farbenen Augen. Es handelt sich dabei um Prinz Neo von Patchouli, welcher, wie ich höre, für ein paar Tage unser höchst verehrter Gast sein wird. Besser noch: Er war genauso schlecht gelaunt wie ich. Mein Herz schmolz aus tiefempfundener Solidarität auf der Stelle dahin.

Nach einer dampfenden Tasse Kaktusfeigentee schien auch der nervtötendste Montag lächerlich genug, um ihn mit einem Schmunzeln im Gesicht niederzuschreiben.

15. Oktober 2012

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4 thoughts on “Studientag 1: Frau Belli schmeißt ihr Studium”

  1. Bist du wirklich, ganz echt eingepennt, IN DER UBAHN IN BERLIN EINGEPENNT? Wie ein Sandler? Nach diesem fatalen Auftakt mit dem Irrlauf auf den Unistrassen kann es ja nur noch besser werden. Mutig, mutig einen neuen Anlauf nehmen……

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  2. wie es scheint! ich weiss auch nicht, wie das sonst passieren konnte haha… jedenfalls war ich weg. und dann wieder da ;P dankedankedanke für’s gut zureden :-* morgen nimm ich den nächsten anlauf!

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  3. Auf Ein Neues, heute! Und solltest Du wieder von der Strasse abkommen und im Uni-Wald landen, Brotbrösmeli streuen – wär mein Tipp!
    Love, Frau Möllemann.

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