Frau Belli erleidet einen Kulturschock: Teil 1

Garten
Der sonnige Garten im Hinterhof

Job. Velo. Bankkonto. Telefonnummer. Immatrikulation. ÖV-Pass. Bürgermeister. Die wichtigsten Punkte sind langsam geregelt. Ich bin nun über zwei Wochen hier. Die Normalität kann jetzt meinetwegen sofort einkehren. Und zwar dalli!

Aber natürlich sagt es ja schon das Wort. Normal fühlt sich nur an, was… ja, was die Norm ist. Was vertraut ist. Und langsam aber sicher dämmert es mir: Es wird noch ein rechtes Weilchen gehen, bis ich mich wirklich an dieses Leben gewohnt habe.

Diese Stadt, die so unglaublich bunt und riesig und fremd ist. Die so wunderschön und schockierend und lebhaft ist und alle nur vorstellbaren Arten von Menschen willkommen heißt. Es herrscht ein riesiges, farbenfrohes Krabbeln, ein unglaubliches Ausmaß an Kreativität an buchstäblich jeder Ecke. Nischen, in denen ich mich wohlfühle, habe ich hier bereits viele gefunden, denn es gibt für jeden etwas. Es ist ja auch weniger die Stadt selbst, die mich fremd fühlen lässt; es sind die vielen tausend Kleinigkeiten, die hier nunmal ein winziges Bisschen anders sind, als im lieben Schweizerländle.

Im Grunde genommen ist hier ja einfach alles neu, und alles anders.

Das Einkaufen.

Als kleines Beispiel: Statt bei Migros oder Coop schleiche ich zur Zeit öfters komplett überfordert zwischen den Regalen von Kaiser’s, Edeka, oder auch Lidl umher. Ich versuche, mich zu orientieren und dabei nicht wie eine wahnsinnige Frau mit einer großen Plastiktüte voller kleiner Plastiktüten leise vor mich hinzumurmeln.

Für welchen von diesen dreitausendundfünfundvierzig Fruchtsäften soll ich mich denn jetzt bitte entscheiden? Ich kenne keinen!

Das Geld.

Und dann der Euro. Da klingt alles so trügerisch preiswert. Die Münzen –  ich sehe offengestanden bislang keinen Unterschied zwischen allen von 10 bis 50 Cent, und ich bin jetzt Kellnerin. Ich serviere täglich Röschti. Die Röschtis werden immer bar bezahlt. Das bedeutet, ich sollte vermutlich mit der Währung umgehen können.

Röschti
Vier brutzelnde kleine Röschtis, Röschtibar, Berlin

Überall Beinstummel.

So langsam aber gibt es einige kleine Dinge, die sich allmählich zu einem Alltagsteppich zusammenweben. Der vierundzwanzigstunden-Blumenladen, der um jede Tages- und Nachtzeit vor lauter blühender Farbe überquillt. Der Bettler, der jeden Tag an der Ecke mit seinem entblößten Beinstummel dasitzt und dessen weinerliche, theatralische Rufe ich schon seit einer Woche nachahmen kann – und das, obwohl sie auf Türkisch sind.

Es geht bergauf.

Ein Gefühl für die unterschiedlichen Flairs der verschiedenen Stadtteile bekommen. Die Bar ‘Trinkteufel’, wo schon (noch?) um acht Uhr morgens schwerst-gepiercte und volltätowierte Achtziger-Punks ihr Treiben treiben. Die Stammgäste, die mich mit einer Umarmung begrüßen. Das Kottbusser Tor schlicht “Kotti” nennen.

Kottbusser Tor
Das ‘Kotti’

Die Waschmaschine Candy und ich, wir verstehen uns jetzt nach anfänglichen Schwierigkeiten besser. Das Studium – wozu ich ja hierhergezogen bin – kommt näher. Bereits schon kommen auch die ersten Besucher aus der Schweiz vorbei. Mit etwas mehr Muße kann ich mich also auf die kommende Zeit freuen.

Die Gegenden durchstreifen, das tu ich natürlich immernoch – nur müssen es nicht mehr vier Stunden am Stück sein. Ich kann jetzt auch mal einfach nur einen Nachmittag lange in meinem Kreuzberger Kämmerchen Friends schauen (fragt nicht) und hochamüsiert ‘Stapelchips’ (Pringles) knabbern.

Berlin rennt ja nicht davon. Und ich auch nicht.

2. Oktober 2012

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1 thought on “Frau Belli erleidet einen Kulturschock: Teil 1”

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