Von Bücherwäldern und darmlosen Würsten: Frau Belli auf Entdeckungstour

Bücherwald
Bücherwald, Berlin

Ich kränkle und schniefe ein bisschen vor mich hin. Ich gebe es ja zu – das mit den Fahrradtouren, das ist so eine Sache. Zwar wird jede Tour erfahrungsgemäß von mindestens einem leisen Panikanfall kurzweilig unterbrochen (wo bin ich denn jetzt schon wieder?). Aber ich kann es trotzdem nicht lassen!

Auch nicht, wenn ich erkältet bin. Schließlich ist es doch wirklich die weitaus  beste und gemütlichste Art, sich von purer Neugierde getrieben durch unerforschte Gegenden zu manövrieren. Kaum beschließe ich, jetzt also wirklich Kehrt zu machen und zurück ans Kottbusser Tor zu fahren, so kommt schon die nächste Ecke, die mich wieder fasziniert.

Ich habe unter anderem einen meinerseits absolut unerwarteten mittelalterlichen Stadtmauerteil entdeckt, der sich mitten in Mitte befindet. Außerdem? Eine rege genutzte, von Grafitti übersähte Kletterhalle in einem alten, zerfallenden Fabrikgebäude. Die Kreativität des Raumes fesselt mich. Ich bestaune einen Park, in welchem ehemalige Laster zu ständigen Unterkünften umgewandelt wurden und nun von Pflanzen überwachsen etwas dunkel anmutend einfach so dort zwischen den dichten Bäumen stehen, von ihren alternativ-angehauchten Besitzern still bewohnt.

In den Kreuzberg zurück finde ich letztendlich immer – da muss man nur dem wunderbaren Geruch von allerhand exotischem Essen folgen.

Fahrrad
Der Göppel

Auch gestern bin ich wieder losgestochen.

Ich hatte das ganz klare Ziel, die sogenannte Karl-Marx-Allee aufzufinden. Es heißt nämlich in meinem tollen Buch, dass dieser etwa 2 Kilometer lange und 90 Meter breite (!!) Boulevard aus geradezu kolossalen „Wohnpalästen der Arbeiter“ besteht und innerhalb von nur vier Jahren von der DDR-Regierung als politisches Werbemittel in den 1950ern aus dem Boden gestampft wurde. Heute stünden die Gebäude, so heißt es weiter in dem Buch, unbeholfen und brach da und der schwere Verkehr brause laut vorbei.

Da dachte sich Belli, das muss man gesehen haben. Ja, und zog sie los.

Aber! Unterwegs kam mir zu Ohren, dass sich hier irgendwo auch das erste Hochhaus der Stadt, ebenfalls in den 1950ern errichtet, befände.

Entdeckung Nummer 1: Ein tiefes Hochhaus.

So ein Hochhaus kann ja nicht schwer zu finden sein, dachte sich Frau Belli. Schließlich ist es ja hoch.

Weit gefehlt. Da es sich bei diesem Exemplar nämlich um ein lediglich neunstöckiges und extrem unscheinbar anmutendes Türmchen handelt, brauchte ich eine lange, hartnäckige Weile, um es in den später errichteten (und höheren) Plattenbauten ausfindig zu machen.

Hochhaus
Das “Hochhaus”, Berlin

Dieses durchaus hübsche, von Herrn Hermann Henselmann entworfene Ding gefiel den hohen Tieren der DDR so sehr, dass sie den Stil angeblich als Wegweiser für die Bauten der Karl-Marx-Allee (dazumals noch „Stalinallee“) nahmen.

Die Allee selbst ist tatsächlich gigantisch, eindrucksvoll, und befremdend in ihrem plumpen Protz und vergangenem Glanz. Von Fußgängern eher gemieden, die ehemals bekannten Geschäfte längst weitergzogen, so liegt sie da und… liegt halt da, mit ihren 2100 Wohnungen, welche mittlerweile von größtenteils sehr alten Damen behaust sind.* Interessant ist sie  allemal, die Allee, und so habe ich im berühmten Café Sibylle (Karl-Marx-Allee 72), welches gleichzeitig auch ein bisschen Museum ist, viel über die Entstehung und den Fortbestand der Straße gelernt. Wie man sieht.

Café
Café Sibylle, Karl-Marx-Allee, Berlin
Karl-Marx-Allee
Karl-Marx-Allee, Berlin

Entdeckung Nummer 2: Darmlose Würste.

Für diejenigen unter meinen Lesern, welche sich jedoch nicht so für Geschichte begeistern, kommt jetzt doch noch ein Leckerbissen: Heute hatte ich die erste Currywurst meines bisherigen Aufenthaltes hier, und zwar bei der wohl berühmtesten Bude Berlins, dem „Konnopke’s Imbiss“ (unter der U-Bahnstation Eberswalderstrasse). Berüchtigt für die darmlose Variante (mit Darm soll man lieber zu Curry36 an der Yorckstraße, einfach zur Information) stehen die Leute hier um jede Tageszeit in Schlangen an. So dann  auch ich.

Imbiss
Schlange am Konnopke’s Imbiss

Die Wurst war schon schmackhaft. Aber was ich ehrlich gesagt weitaus beeindruckender fand war die Tatsache, dass es bei Konnopke drei verschiedene Kartoffelsalatvariationen gibt.

Entdeckung Nummer 3: Der Bücherwald.

Bei Konnopke kam ich ja eigentlich aber auch nur zufällig vorbei, weil ich heute nämlich auf der Suche nach dem sogenannten „Bücherwald“ (Sredzkistrasse, Kollwitzstrasse) war.

Der Bücherwald ist eine Ansammlung von Baumstämmen mit Nischen, in welche Menschen Bücher legen, die dann wiederum von anderen Menschen ausgetauscht werden. Gratis, versteht sich. So wird nach Lust und Laune für Abwechslung gesorgt. Wie brilliant!

Und so kommt es, dass ich hier im Prenzlauerberg beim Bücherwald ein Stück Himbeer-Marzipantorte esse und mir die äußerst hartnäckigen Spatzen buchstäblich vom Leibe wedeln muss.

Bereits habe ich mein nächstes Ziel in der Ferne erspäht – die Kulturbrauerei. Eine… na ja, eine ehemalige Brauerei halt. Die in einen Kulturpalast umgekrempelt wurde.

Kling langweilig? Ich wette, Frau Belli verirrt sich auch da in etwas Spannendem.

21. September 2012


*Update 2016: Die Karl-Marx-Allee hat sich mittlerweile auch bei jüngerem Volk (man lese: Hipstern) wieder beliebt gemacht.

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9 thoughts on “Von Bücherwäldern und darmlosen Würsten: Frau Belli auf Entdeckungstour”

  1. Warte immer ganz gespannt auf Deine neuen Beiträge. Danke, dass Du uns an dem neuen, spannenden Leben im fernen Bellin teilhaben lässt. Ich kann die Curry-Würste und den Herdöpfelsaloood riechen, durch Deine lebhaften Schilderungen.
    Love, Frau Möllemann, from Wild-Iiiist, Schwitzerländ

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  2. Hallo Berlini,

    Habe Heute Morgen statt Sonntagsblick Deinen Blog und die Bildli konsumiert. Einfach Toll! Für einmal bitte etwas More of the Same!

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A word with Frau Belli? Fire away!

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