Frau Belli trifft (vielleicht) den Berliner Bürgermeister

Draußen ist es sonnig und herbstlich warm. Drinnen riecht es nach Kaffee, die Luft ist erfüllt von lautem Frauengeschnatter.

Meine Vermieterin ist Künstlerin und so kommt es, dass auch alle ihre Freundinnen Künstlerinnen sind. Sie treffen sich um zehn gemütlich auf einen Wie-läuft-deine-Galerie-Klatsch. Die eine vom Stockwerk weiter unten, die andere direkt aus London eingeflogen. Erwartungsvoll richten sich alle Augen auf mich, die ich da so ganz und gar unkünstlerisch und mit Bettfrisur in meinen ältesten Trainerhosen einen Kaffee holen möchte.

“And what do you do, Anabel?” Stille.

Ja, was do I do?

Ich habe heute ausgeschlafen. Ich warte. Ich warte auf den Studiumsbeginn, auf mein Bankkärtchen, meinen Handyvertrag.

Ich plane auf eine Maniküre, aber das sage ich nicht, denn von den Damen in der Küche scheint keine meine Faszination für lange Nachmittage mit der persönlichen Nagellacksammlung zu teilen – da bin ich mir ziemlich sicher. Also wedle ich die Berlinkarte, welche ich gerade in der Hand halte, und sage, ich werde heute die Kreativität der sich immer verändernden Stadtteile weiter erkunden. Ich bin selbst etwas überrascht von der Gewitztheit meiner Antwort.

Große Augen. Nicken. “Oh, how lovely. How lovely indeed!”

Ja. In Wirklichkeit bin ich heute sehr zufrieden damit, meine Beine ganz unspektakulär im Bett zu lagern.

Vielleicht schleife ich mich irgendwann an den Heinrichplatz nebenan, suche mir ein gutes Café und lese meinen Berlinratgeber draußen im herbstlichen Sonnenschein.

Ich bin von den letzten Tagen (um nicht zu sagen Wochen) etwas ermüdet. Packen, umziehen, fliegen, ankommen. Viele Eindrücke, alles neu. Erst seit Samstagabend bin ich hier, aber es fühlt sich bereits nach zwei Wochen an. Zwar bin ich von meinem neuen Zuhause begeistert und geniesse jeden tag in vollen Zügen, aber ich brauche heute einmal eine Pause von meinen täglichen tausend Neuentdeckungen.

Auch in der Wohnung gibt es schließlich Schönes zu sehen. Licht. Der Blick auf den Innenhof. Efeu. Viel weiße Wand – das tut meinen Augen nun gut! So richtig wohltuend, das.

Licht
Berliner Licht
Fenster
Morgenfenster, Berlin

Gestern war ich zum ersten Mal Heidi.

Der Röschtischuppen, in welchem ich in Zukunft arbeiten werde, macht um zehn gemütlich auf (ich habe gehört, das sei “früh” für Berlin). Als Erstes wird dafür gesorgt, dass die sofort eintrudelnden Stammgäste  ihren Kaffee kriegen – natürlich jeder mit seinen Extrawünschen.

Bald schon riecht es herrlich nach Zwiebeln, Spätzli, Gulasch, und – wer hätte es gedacht – Röschti. Zu trinken gibt es hausgemachten Holunder-Limetten-Sirup oder, ganz traditionell, Rivella. Ein paar Leute bestellen zum Frühstück ein dampfendes Kräuterrührei auf Toast. Dann, um eins, tropfen ein paar Geschäftsmänner aus der Gegend herein und bestellen das Mittagsmenü eins, zwei, oder drei, oder die Röschti der Woche.

Kuhglocke
Röschtibar, Berlin

Abends ist mehr Trubel angesagt. Jedoch habe ich diesen nicht miterlebt, weil ich da bereits unterwegs war zu meinem Termin mit dem Bürgeramt, wo ich dann im Warteraum innerhalb von nur zwanzig Minuten mehrere Ausraster seitens der Wartenden beobachten durfte.

Allesamt beklagten sich über die Schwierigkeit, diesen (“Scheiß-” oder “mickrigen” oder “verdammten”) Stempel zu kriegen.

Es ist doch nur ein STEMPEL. Wieso können SIE den nicht einfach hier draufmachen. HIER!! Sehen Sie, nur hier, machen Sie, zack, geht doch nur ‘ne Sekunde!

Bei mir ging das schnell. Meine zwanzig Minuten Wartezeit waren selbstverschuldet. Die Betreuung war nett und reibungslos. Das einzige Problem, welches ich antraf, war ein Formular, auf dem ich unterschreiben sollte, um einen allfälligen Besuch des Bürgermeisters – sollte er mir zu seinem Hochzeitsjubiläum gratulieren wollen – zu verbieten. Bizarr, wie sich das anhört, dachte ich mir, das sei ein Witz, oder eine Metapher. So musste ich die Bürokratiekönigin gegenüber dann auch fragen, ob das jetzt ernst gemeinst sei, worauf die schallend loslachte.

Ja, das sei ernst gemeint. Niemand verstehe den Bürgermeister so genau, aber es sei also wirklich so, dass er sonst an der Haustüre klingeln und mir zu seinem Jubiläum gratulieren könne. “Andere länder, andere Sitten,” fügte sie dann an.

Und wird denn das jetzt als Beleidigung empfunden, wenn ich das nicht unbedingt wolle? Nee. Einfach hier unterschreiben, dann hamse den los!

So kommt es, dass Berlin nun mein “Hauptwohnsitz” ist.

So kommt es auch, dass ich den Bürgermeister mit größter Wahrscheinlichkeit nicht im Flur antreffen werde, und nun mit meinem Meldeschein endlich die Berechtigung zu einem Berliner Bankkonto und (erst dann) einem Handyvertrag habe.

Ich will ja eigentlich nur telefonieren. Aber nichts da. Ohne eine Serie von VERDAMMTEN STEMPELN wird da gar nicht gefackelt. Mir auch recht – dann bleibt mir nicht nur der Berliner Bürgermeister, sondern auch der alltägliche Kommunikations-Stress für eine Weile vom Hals.

 

19. September 2012

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10 thoughts on “Frau Belli trifft (vielleicht) den Berliner Bürgermeister”

  1. love LOVE LOOOOVE your blog bellerindli :) missing you here (a lot!) aber bälde schon ists oktober. See you soon dearest. riesen-monster hug

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A word with Frau Belli? Fire away!

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