Das Leben ohne Smartphone: Anleitung zum Hipstertum — und zur Ruhe

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Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, ich bin jetzt auch ein Hipster. Und es war gar nicht so schwierig! Ehrlich. Ich kann euch erklären, wie es geht.

Aus den Erfahrungen der letzten Monate kann ich euch nämlich eines sagen: Um als „Hipster“* wahrgenommen zu werden, braucht man gar nicht unbedingt 

  • die ganzen „fixed-gear“ Velos oder die Flat Whites (weil Cappuccini sind voll 2006)
  • die simplistischen, geometrischen Ohrringe und Halsketten mit Bergkristallen
  • die teuren, baumelnden Industrieglühbirnen
  • die Hosenträger in Kombination mit einem gut gestutzten Bart
  • ODER! Die winzigen Kakti in ananasförmigen Töpfchen
  • eine Polaroid-Kamera
  • die abrasierten Schläfen, den Dutt mit dem „Undercut“, oder — ganz neu — auch gerne alles aber jetzt bitte in Grau
  • das morgendliche „Acai Bowl“ in allen Farben des Regenbogens
  • den eckigen FiällRäven Rucksack
  • die minimalistisch gehaltene Altbauwohnung (vorzugsweise Originaldielen, wobei es notfalls auch Fake-Parkett sein daruf — aber einfach bittte, bitte auf gar keinen Fall Neubau, wäh!)

*Hipster, der (n.): Jemand, der sich lifestyletechnisch konstant an der Grenze von bewundernswert cool und verabscheuenswert cool bewegt. Die Bezeichnung ist somit äußerst ambivalent und wird sowohl als durchaus nette bis neutrale Klassifizierung eines Menschen, aber auch als extrem negativ behaftete Klassifizierung eines Menschen benutzt.

Versteht mich nicht falsch. Diese Dinge sind durchaus förderlich für ein Hipsterimage; wer also aktiv in Richtung Hipsterstyle gehen möchte, der bediene sich ausgiebig der oben aufgeführten Liste.

Und ich muss gestehen, ich bekenne mich ja auch des einen oder anderen Punktes schuldig! Aber! Ich arbeite nicht aktiv an meinem Hipsterimage.

Und trotzdem passierte es: Ich wurde cool.

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„Wir kiffen alle“: Ein Abend mit dem Schöneberger Seniorenkickerklub

Woher die Idee genau kommt, weiß ich nicht mehr. Aber irgendwie weiß ich es einfach: Heute ist der Abend. Nach bald vier Jahren in Berlin,

DER Abend, an dem wir endlich, endlich „Robbys Dart Perle“ betreten.

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Fenster zu Robbys Dart Perle

Und zwar egal wie unangenehm es werden wird. Egal wie fremd wir uns fühlen werden. Egal wie schlecht wir sind im Dart spielen (– schlecht). Denn heute bin ich zu Abenteuern bereit. Es ist Freitagabend und die Woche, die hinter mir liegt, war eine gute Woche. Und wir sind in Berlin und der Frühling ist schön und man muss doch ab und an ein kleines Abenteuerchen haben!

„Wollen wir nicht lieber zu Mutter?“ fragt der Norweger noch mit einem letzten Funken Hoffnung. „Bei Mutter gibt es 60 verschiedene Rumsorten,“ hängt er noch an.

„Ich spüre es einfach, Mannli,“ hauche ich. „Heute ist der Abend. Heute müssen wir zu Robby.“

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„Sorry Leute, heute ist mein letzter Tag.“: Das Berliner Startup

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Blick aus dem Büro

Wir schreiben den 1. Februar 2016, viertelvor Zehn morgens, und Frau Belli steht kurz davor, ihre Stelle als Online Marketing Managerin anzutreten.

Wie sie den Job genau geangelt hat ist ihr selbst etwas unklar; studiert hat sie das alles jedenfalls nicht und Norwegisch spricht sie auch nur so schwavelmäßig. Aber das hat sie auch mehrfach betont in ihren — Plural — Bewerbungsgesprächen.

„Ich mache das nur, wenn ALLE wissen, dass ich noch viel zu lernen habe. Vor allem Norwegisch. Ich muss wissen, dass ich vom gesamten Team volle Rückendeckung habe. UND, dass DU mich voll und ganz einarbeitest.“

Ja, meinte ihr Gegenüber mit den leuchtend rehbraunen Augen. Selbstverständlich! Ist ja klar. Es seien sich natürlich alle im Team bewusst, dass ich „voll-junior“ sei. Und, dass ich das alles nicht nur zum ersten Mal, sondern auch noch zum ersten Mal auf Norwegisch machen würde. Was ja zugegebenermaßen — das sagte sie dann schon auch noch — ein klein wenig ambitiös sei.

„One could say you’re… ambitious“ sagte auch der fremde Norweger, der meine Sprachkenntnisse kurz später auf Herz und Nieren prüfte. „That’s good. Ambition is good.“

Na dann! Warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht? So ist das nun mal mit Frau Belli. Das kriegen wir schon irgendwie hin.

Und selbstverständlich, meinte Madame Rehbraun, würde sie Frau Belli unter ihre Fittiche nehmen. Sie würde das unerfahrene Ding natürlich mehrere Monate anlernen und für alle Fragen da sein. Alles gar keine Frage. MUSS ja sein, in so einer Position.

Gut. In dem Falle haben wir eine Abmachung, sagte Frau Belli. Und fühlt sich erleichtert.

Dann also der 1. Februar 2016. Der Aufzug rattert für meine Verhältnisse etwas zu stark, und dann geht die Tür auf zum 8. Stockwerk und vor mir breitet sich das Startup aus wie es leibt und lebt — bequeme Sofas räkeln sich sonnengelben Wänden entlang. Wände, auf denen weiße Motivationssprüche stehen, und junge Menschen mit Laptops hängen zwischen den Kissen und halten in dieser sonnendurchfluteten „Lounge“ offensichtlich Meetings ab.

Im „get-together“-Raum dann der Kickertisch (Tschüttelichaschte, für meine Schweizer Freunde) und die kostenfreie Club Mate (ja, wirklich).

Ich werde sogleich mit einer weiteren Neuen anhand von einer Power-Point-Präsentation „ge-onboardet“. Soweit, so gut.

Und ich weiß schon, was als nächstes passieren wird. Man wird mich zur IT schicken. Ich werde meinen Laptop ausgehändigt bekommen. Dann werde ich von Raum zu Raum geführt werden, allen mal kurz hallo sagen, meinen Platz neben Madame Rehbraun  einnehmen und erstmal alles ein bisschen… mental aufnehmen. Mein Emailprogramm einrichten. Meinen Browser festlegen. Mittagessen gehen. Dann vielleicht die erste Aufgabe kriegen und sie dann etwas zitternd vor Aufregung erledigen. Ein normaler, erster Tag halt. Da gibt es noch nicht massenhaft zu tun.

Oh Frau Belli. Naive Frau Belli.

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Das traurige Ableben von Klaus und Arnold

Dackel im Laub
Lotti mag wohl Laub.

Ich möchte heute mit euch ein Thema bewältigen, das ich bislang aus Schmerzensgründen nur hier und da am Rande erwähnt habe: Das Dackelverbot, das da seit diesem Sommer so schwer auf uns lastete. Richtig — lastete. Ich habe die Vergangenheitsform benutzt.

Ich muß gestehen, von August bis Ende Oktober 2015 verbrachte ich den Hauptteil meines seither zugegebenermaßen beschränkten geistigen Lebens damit, die niederschmetternde und wortkarge Botschaft unserer Gebäudeverwaltung zu verdauen (“Sehr geehrte Frau Belli, wir können Ihnen die Genehmigung zur Dackelhaltung nicht erteilen. Freundliche Grüße.”)

Dabei hatte ich zur Überzeugung sogar eine wunderschöne Fotografie in Sepia angehängt, eine aus dem New York der 1940er-Jahre, auf der sich ein Hotelwächter verschmitzt über einen kleinen Würstchenhund beugt! Aber um — wie immer — vielleicht ein Spürchen zu ehrlich zu sein, meine Vorbereitungen waren sogar weit über das Sepia-Bild hinausgegangen. Voller Freude hatte ich an einem schönen Sommertag auf Ebay Kleinanzeigen eine Bitte um Spielfreunde für „Lotti,“ einem pubertierenden Berliner Dackelmädchen, entdeckt. Ich meldete mich natürlich umgehend — die Gelegenheit konnte ich mir ja nicht entgehen lassen, schließlich würde ich ja testen wollen, ob ich tatsächlich nicht nur in meinen Tagträumen, sondern auch in Realität dackelkompatibel bin.

Erst, als ich also strahlend und erwartungsvoll bei Lottis Halterin auf der Couch saß, stellte sich heraus, dass mit “Spielgefährten für Lotti” eigentlich Hunde gemeint gewesen waren.

Oh, die unsägliche Röte, die mir zu Gesichte stieg! Wie konnte ich nur so naiv sein? Und hier saß ich nun, hundelos, mit Blumenstrauß. Aber! „Das traurige Ableben von Klaus und Arnold“ weiterlesen

Berlin tut weh

“Kein Ort der Welt hat mir jemals so klar zu spüren gegeben, dass ich schon morgen auf der Straße leben könnte.”

Sie lacht, aber ihre Hände zittern und darum verschränkt sie ihre Arme vor der Brust, ihre Mundwinkel zucken. Zuvor hat sie in Brüssel gelebt, und davor in den USA und Südamerika. Ihre Eltern sind Professoren; sie ist gebildet und versiert. “Wenn wir keinen Job finden, sind WIR das,” habe sie damals zu ihrem Mann gesagt, als sie angekommen seien und die vielen Bettler gesehen hätten.

Es erinnert mich an meine ersten Monate in Berlin. Fast hätte ich sie vergessen — vielleicht auch verdrängt. Das würde erklären, warum sich noch heute in schwierigen Zeiten in mir ein tiefes Unbehagen breit macht.

Damals waren die Tage geprägt von Faszination, freudiger Bewunderung und zugleich abgrundtiefem Horror. Ich musste irgendwie den Fuß in die Tür dieser Stadt kriegen und servierte darum zur Not für fünf Euro die Stunde Röschti; am Ende des Arbeitstages war ich zu müde für die Jobsuche und um lediglich 35, vielleicht 40 Euro reicher. Ich erinnere mich an die Woche, in der ich tagelang zögerte, bevor ich für die Uni die Packung Druckerpapier für 5 Euro kaufte. Für einen Cappuccino zwischendurch putzte ich eine halbe Stunde lange Tische und schleppte Getränkelieferungen und schnitt Brotwürfel. Der Kinobesuch für 8.50 Euro oder gar 10 Euro war ein besonderes Ereignis. Abends erzählte mir meine damalige Mitbewohnerin und liebe Freundin von ihrem Leben und dass sie zwar nun mit ihren über fünfzig Jahren nicht mehr die Jüngste sei, leider aber als Künstlerin keine Rente hatte.

Aber mir ging es gut und das wusste ich. Denn ich sah die vielen, vielen Leute, die täglich die Mülleimer durchwühlten um sich das Pfand der Flaschen zusammen zu kratzen.

Die endlose Parade von Musikanten, die die Fahrgäste jeden Tag auf der U-Bahn ungefragt zudröhnten oder zuklimperten oder zurappten, um ein paar wenige Cent abzukriegen. Die Straßenfeger- und Motzverkäufer, die ebenfalls jeden Tag auf der U-Bahn und in Cafés um die Aufmerksamkeit der Glücklicheren baten, sich für ihre Nerverei entschuldigten, ihre Texte im Dauerschlaf aufsagten. Es war irgendwann nicht mehr allzu überraschend, dass man manchmal Menschen sieht mit verfaulenden Gliedmaßen, die den Gestank von Verwesung um sich tragen und die U-Bahn-Gäste mit Brechreiz flüchten lassen. Menschen, denen das Blut am Schenkel durch die Kleidung sickert, denen die Jeans darum am Bein klebt und die von einem Mitfahrenden angeschrien werden, sie sollen sich verpissen, sie würden übel riechen und ob sie sich eigentlich nicht schämten. Menschen, die im Winter in der U-Bahn schlafen und bei der nächsten Station von Sicherheitskräften rausgebeten werden. Und dann die Menschen, die sich in die Punk-Ära der Siebziger zurücksehnen und in Biergrüppchen an der Warschauer rumhängen und einem ein böses “Danke für NICHTS!” zuzischen, wenn man ihnen kein Geld für NICHTS gibt.

Berlin war damals endlos, weit, unergründlich, und auf seine raue Art oft wunderschön. Aber Berlin war auch grau, harsch, und gleichgültig.

Ob ich blieb oder ging, das wusste ich ganz genau, Berlin ist das egal. Und daran hat sich nichts geändert.

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